Breitkopf&Härtel: Die 300-Jahre-Chronik

Über seinen Bestseller in 300 Jahren Verlagsgeschichte spricht der älteste Musikverlag der Welt nicht allzu gern. Denn das meistverkaufte Druckwerk von Breitkopf&Härtel, 1719 in Leipzig gegründet und einer der führenden Verlage für Notenwerke weltweit, hat mit Musik recht wenig zu tun: Felix Dahns historisiender Roman Ein Kampf um Rom erschien in dem renommierten Verlagshaus in hunderttausendfacher Auflage.

Die – verschämt-belustigte – Erinnerung an die Zeiten, in denen Breitkopf&Härtel über das Kerngeschäft Musik hinaus auch auf anderen Feldern aktiv war, ist eine der zahlreichen Anekdoten aus den Jahrhunderten seiner Geschichte, die der Verlag zum 300-jährigen Jubiläum in diesem Jahr aufgearbeitet hat. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich vor allem die Beziehungen der Musikalienhändler und Verleger zu ihren Komponisten. Auch die nicht immer unkompliziert, wie das im Archiv aufgefundene Schreiben von Gustav Mahler belegt, der in Leipzig um Verlegen seiner Werke bat – erfolglos.

Zum Ende des dritten Jahrhunderts Verlagsgeschichte ist die Chronik, die Breitkopf&Härtel in der vergangenen Woche offiziell vorgestellt hat, eine grundlegende Neuerung. Denn erstmals seit der Gründung 1719 werden die Ereignisse nicht aus Sicht der jeweiligen Verlagschefs aufgearbeitet. Noch zum 250-jährigen Bestehen 1969 hatte der damalige Verlagsleiter Hellmuth von Hase, wie auch seine Vorgänger, 1968 einen Arbeitsbericht vorgelegt (Foto oben). Alle diese Chroniken waren, trotz des umfangreichen hinzugefügten Materials, eine naturgemäß subjektive Sicht der Ereignisse.

v.l.: Thomas Frenzel (Verlagslektor und Herausgeber der Chronik), Sebastian Mohr (kaufmännischer Verlagsleiter), Lieselotte Sievers (frühere Verlagsleiterin), Nick Pfefferkorn (Verlagsleiter), Skadi Jennicke (Leipziger Kulturbürgermeisterin), Prof. Andreas Schulz (Gewandhausdirektor)

Die 300-Jahre-Chronik stellte zwar der Verlagslektor Thomas Frenzel und damit ein Mitarbeiter des Verlags zusammen – aber eben nicht als Tätigkeitsbericht der Verlagsleitung, sondern als Materialsammlung der wichtigsten Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte. Der neue Blick ist vor allem deshalb bedeutsam, weil das dritte Verlagsjahrhundert, die Jahre 1919 bis 2019, mehr und einschneidendere Veränderungen brachte als die beiden Jahrhunderte zuvor.

Die NS-Zeit, der Zweite Weltkrieg, damit einhergehend die Bombardierung Leipzigs im Dezember 1943 mit Vernichtung großer Teile des Verlags und nicht zuletzt die durch die deutsche Teilung erzwungene Teilung von Breitkopf&Härtel in einen westdeutschen Verlag in Wiesbaden und einen Volkseigenen Betrieb in Leipzig: Alle diese Ereignisse wurden im Arbeitsbericht zum 250-jährigen Bestehen 1969 zwar angesprochen, aber nicht aufgearbeitet. Die deutsche Teilung dauerte noch an, und die Geschichte des Verlages 1933 bis 1945 war ein Thema, das 1969 offensichtlich keinen großen Stellenwert hatte.

Frenzel räumt dieser Zeit in der 300-Jahre-Chronik den nötigen Platz ein, versagt sich aber eine Bewertung: Ich bin kein Historiker, betont der Verlagslektor. Dennoch finden sich die wichtigen Hinweise auf die entscheidenden Ereignisse: Von der Erklärung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 1933 gegen entartete Literatur, die Verlagschef Hellmuth von Hase als Vorstandsmitglied unterschrieb, bis zur Ausreise in die Westzone mit Hilfe der US-Streitkräfte 1945. Aber auch der Hinweis, dass der Verlagsleiter zwar NSDAP-Mitglied wurde – und 1943 wieder austrat. Von seinen – in Teilen erfolgreichen – Versuchen, die Schließung des Verlags 1943 zugunsten so genannter kriegswichtiger Betriebe zu verhindern, bis zum Wiederaufbau in der amerikanisch besetzten Zone in Wiesbaden.

Der absolute Nullpunkt war die Zerstörung des Verlagsgebäudes hier nach 230 Jahren, erinnert der heutige Verlagsleiter Nick Pfefferkorn an die Auswirkungen, die die Bombardierung 1943 auf den Verlag hatte – und die bis heute Folgen haben: Teile des Archivs wurden ebenso vernichtet wie Bleiplatten für den Notendruck, auch wenn zuvor bereits Material ausgelagert wurde.

Mit Kriegszerstörung und Neu-Aufbau des Verlags in der Bundesrepublik endete aber auch vorerst – trotz Weiterführung eines eigenen Verlagsteils in der DDR – die grundlegende Verbindung Breitkopf&Härtels mit Leipzig. Der rote Faden über Jahrhunderte, die enge Zusammenarbeit des Verlags mit dem Gewandhaus in der sächsischen Metropole, wurde für Jahrzehnte unterbrochen.

Für das neue Verlagsjahrhundert wird spannend, wie diese Entwicklung weitergeht. Denn nach wie vor hat der Verlag seinen Hauptsitz in Wiesbaden und lediglich eine Niederlassung in Leipzig. Allerdings: Der Verlag wird weltweit ausschließlich noch mit Leipzig in Verbindung gebracht, sagt Verlagsleiter Pfefferkorn, der selbst aus Leipzig stammt (und als erster Verlagschef seit 1719 nicht ein Nachkomme der Gründerfamilien ist). Und Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke sagte bei der Präsentation der Chronik ganz unumwunden: Schade ist, dass der Verlag heute in Wiesbaden sitzt.

Die langjährige Verlagschefin Lieselotte Sievers, Tochter und Nachfolgerin Hellmuth von Hases, hat an Leipzig vor allem Jugenderinnerungen – und an das 1943 ausgebombte Gewandhaus, in dem sie in der Direktoriumsloge ihres Vaters die Konzertproben verfolgen konnte: Das Personal habe der damals 14-jährigen zwar den Zugang verweigern wollen, aber reingekommen sei sie dennoch: Da habe ich gelernt, mich durchzusetzen.

Das komplette Pressegespräch zur Vorstellung der Chronik am 18. Oktober 2019 im Gewandhaus in Leipzig zum Nachhören hier – moderiert von Franziska Franke-Kern sprechen Verlagsleiter Nick Pfefferkorn, Verlagslektor und Chronik-Herausgeber Thomas Frenzel, die ehemalige Verlagsleiterin und Ur-Urenkelin eines Verlagsgründers Lieselotte Sievers, Gewandhausdirektor Andreas Schulz und die Leipziger Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke:

Die Teile, in denen ein Video gezeigt wurde, habe ich aus Gründen der Verständlichkeit (und um Ärger wg. der Rechte der dabei zu hörenden Musik zu vermeiden…) geschnitten und mit einem Signalton markiert. Das zu Beginn des Pressegesprächs erwähnte Imagevideo gibt es hier zum Anschauen:

 

Mehr Fotos von der Vorstellung der Chronik hier

Aus der Chronik gibt es die Einführung und das Inhaltsverzeichnis online (und bestellen kann man sie hier)

(Offenlegung: Ich habe aus familiären Gründen eine Beziehung zu diesem Verlag, und ich habe mich als Journalist schon mit vielen verschiedenen Themen befasst, allerdings nie mit Kultur und schon gar nicht mit E-Musik – das zur Erklärung, warum ich diesen Text geschrieben und warum ich ihn so geschrieben habe.)

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Bundesregierung und DSGVO: Hier kann jeder machen was er will

Für die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die am (heutigen) 25. Mai endgültig in Kraft trat, gab es zwei Jahre Vorbereitungszeit – aber das hat offensichtlich nicht nur viele Privatleute überfordert, sondern auch die Bundesregierung. In den vergangenen Tagen bekam alleine ich von vier verschiedenen Bundesministerien vier verschiedene Mails zu dem Thema, mit gegensätzlichen Aussagen. Das reichte von einem Formular, das es für ein Verbleiben im Presseverteiler ausgefüllt zurückzuschicken galt, über das schlichte Ignorieren der DSGVO bis zur Aussage „wir haben ja Ihre Daten und schicken Ihnen weiter was“.

Ich habe deshalb versucht, in der Bundespressekonferenz vom für den Datenschutz zuständigen Bundesinnenministerium und den anderen Ministerien zu erfahren, warum es denn noch nicht mal in der Bundesregierung eine einheitliche Vorgehensweise gibt. Weiterlesen

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Torschlusspanik vor der DSGVO: Exiter vs. Remainer fifty-fifty

Am (morgigen) 25. Mai tritt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft. Und in den letzten Stunden davor laufen die Juristen und Kommunikationsverantwortlichen in Institutionen und Firmen zu Topform auf – vermutlich ist es aber auch nur die Torschlusspanik: Noch rechtzeitig vor Inkrafttreten teilen mir alle mit, dass sie mich doch bislang mit Informationsmails (gerne genutzter Begriff: Newsletter) beschicken und dass es jetzt dafür eine neue datenschutzrechtliche Grundlage gibt.

Aber: Die neue Verordnung scheint hinreichend unscharf. Denn es gibt für diese Newsletter und die künftig geltende Datenschutzregelung zwei Denkschulen. Weiterlesen

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Road Rage Tempelhof

Der Norden des Berliner Stadtteils Tempelhof, am Platz der Luftbrücke und nahe des ehemaligen Flughafens, ist eine ruhige Wohngegend. Da fällt ein wuchtiger bronzefarbener Pickup-Truck auf, der sich an diesem Samstagmittag um die Ecke einer Seitenstraße schiebt. Der Fahrer hat nicht den Blinker gesetzt; ich hüpfe noch schnell vor dem Wagen über die Straße und murmele eine Verwünschung in Richtung des Fahrers.

Auf so etwas scheint der Fahrer des riesen Wagens nur gewartet zu haben. Er lässt den Pickup mitten auf der Straße stehen, sprintet hinter mir her und brüllt mich an, ich hätte ihn beleidigt und er werde mich anzeigen.

Es bleibt nicht bei den verbalen Attacken. Er greift mich an der Kleidung und hindert mich mit körperlicher Gewalt daran, weiterzugehen. Der Mann ist erkennbar Deutscher, um die zwanzig Jahre jünger als ich. Und unter seiner modischen schwarzen Outdoorjacke wirkt er durchtrainiert. Vor allem vermittelt er mir den Eindruck, dass er extrem gewaltbereit ist.

Da verzichte ich lieber auf Gegenwehr gegen diesen Angriff und brülle möglichst laut um Hilfe. Erste Passanten bleiben stehen. Ich fordere sie direkt auf: Rufen Sie die Polizei, hier passiert ein Überfall!

Die Passanten zögern, sind unsicher, wie sie die Situtation einschätzen sollen. Keiner greift zum Handy, immerhin gehen sie nicht einfach weiter. Der Angreifer nutzt diese Lage für eine paradoxe Intervention (ob zufällig oder gezielt, kann ich natürlich nicht einschätzen): Ja, rufen Sie die Polizei, damit ich ihn anzeigen kann, ruft er den Passanten zu, die daraufhin noch verunsicherter sind und erst recht nicht zum Telefon greifen.

Die Lage entschärft sich erst, als die Fahrerin (!) eines vorbeikommenden Lieferwagens anhält, aussteigt und auf den Angreifer einredet. Ich sei doch viel älter als er, und das Verhalten dieser Fußgänger kenne man doch, wie bei den Radfahrern. Der Zuspruch scheint den Angreifer zu besänftigen, er lässt von mir ab, steigt in seinen Pickup und fährt davon.

Solche Vorfälle dürften, zumal in anderen Teilen Berlins, an der Tagesordnung und keiner Erwähnung wert sein. In dieser ruhigen Wohngegend, wenige hundert Meter von der Privatwohnung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller entfernt, habe ich das in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Schon gar nicht mit diesem Täter-Typus. Und ich weiß auch nicht, wie das Ganze ohne Passanten als Zeugen und bei Dunkelheit abgelaufen wäre.

 

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Straßenfotografie? Ich bin nicht hart genug.

Das war ein spannender Foto-Workshop heute: Von Gordon Meuleman erklärt bekommen, wie Straßenfotografie funktioniert. Aber ich muss gestehen: Ich bin dafür, glaube ich, nicht hart genug.

Gordons erster Lehrsatz: Fotografier erst, frag danach. Dafür hat er auch gute Gründe: Wer gefragt wird (und einwilligt), posiert dann für die Kamera, ob sie/er will oder nicht. Und den ungestellten, ungekünstelten Aus- und Eindruck bekommt man nur, wenn man erst mal das Bild macht.

Damit tue ich mich schwer – und nicht allein deswegen, weil das in Deutschland rechtlich nicht ganz unproblematisch ist. Weiterlesen

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Skandal beim Entzug von G20-Akkreditierungen: Das Innenministerium antwortet (?)

Die schier endlose Geschichte um den Entzug von Akkreditierungen für Journalisten beim G20-Gipfel im Juli in Hamburg ist um etliche Varianten und Entschuldigungsversuche des Bundesinnenministeriums reicher. Nachdem tagesschau.de am (heutigen) 30. August weitere Hintergründe und vor allem brutal falsche und vermutlich illegal gespeicherte Daten beim Bundeskriminalamt öffentlich gemacht hatte, reagierte das Bundesinnenministerium am selben Tag in der Bundespressekonferenz – mit umfassenden Rechtfertigungsversuchen. Kurz gefasst: Die Datenqualität beim BKA sei ein Problem, weil es keine einheitliche Datenbank gebe, es wurden falsche Daten von den Ländern übermittelt oder von der Justiz gar nicht erst geliefert… Weiterlesen

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Entzug von G20-Akkreditierungen: Fragen an Regierungssprecher und Innenministerium

Mehr als einen Monat nach dem G20-Gipfel im Juli in Hamburg, nach den Krawallen und – hier von Bedeutung – dem Entzug der Akkreditierung für mehrere Journalisten wissen einige Kollegen immer noch nicht, warum eigentlich ihnen eine bereits erteilte Akkreditierung wieder entzogen wurde.

Dazu am 11. August Fragen in der Bundespressekonferenz und Antworten von Regierungssprecher Steffen Seibert und Johannes Dimroth, dem Sprecher des Bundesinnenministeriums:

 

 

Das Transkript dazu:

Frage : Damit es nicht in Vergessenheit gerät, an Herrn Seibert und auch an das Innenministerium eine Frage zum Stichwort G20: Wenn ich mich recht erinnere, war im Zusammenhang mit entzogenen Akkreditierungen davon die Rede, dass das Bundespresseamt oder das BKA die Betroffenen darüber aufklären würde, aus welchen Gründen die Akkreditierung entzogen wurde. In dieser Woche ist offensichtlich geworden, dass acht oder neun der betroffenen Journalisten klagen, weil sie nämlich die zugesagte Information bislang nicht erhalten haben.

Warum sind denn die Behörden von dieser Zusage abgegangen?

StS Seibert: Ich kann zunächst einmal bestätigen, dass acht Klagen beim Bundespresseamt eingegangen sind und dass uns das Verwaltungsgericht telefonisch schon die Übersendung einer neunten Klage angekündigt hat, die uns vermutlich im Laufe des heutigen Tages erreichen wird. Weiterlesen

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