Flattr ist eine tolle Idee. Ein Micropayment-System, mit dem ich eine bestimmte, vorher von mir festgelegte Summe verteile. An Webseiten, die mir gefallen, an Autoren, die ich unterstützen will, an Projekte, Einzelpersonen, Blogger, Journalisten, Musiker, Künstler… An jeden, der im Internet agiert.
So weit die Theorie. In der Praxis, das ist mir nach einem Jahr klar, ist Flattr etwas für Hobby-Blogger, Privat-Autoren, die sich nach Anerkennung sehnen. Oder für Großverdiener, denen es gelingt, mit diesem System so viele Interessenten zur Zahlung zu bewegen, dass die horrenden Transaktionskosten einfach keine Rolle mehr spielen.
Ich will das mal versuchen zu erklären, nach diesem einem Jahr, in dem monatlich so zwischen 13 und 30 Euro auf mein Flattr-Konto gespült wurden. Was keine dollen Summen sind, aber auch nicht nix – da haben ja schon Leute bewusst entschieden, dass sie für meine Leistung im Internet Geld geben wollen, auch wenn es nur ein geringer Betrag ist. Nun ist vor allem die Leserschaft meines Verteidigungs-Blogs Augen geradeaus!, das darf ich wohl so sagen, insgesamt weniger Flattr-affin als die Fans von IT- und ähnlichen Blogs… Und dennoch haben da einige ihr Geld für meine Webseite eingesetzt. Was ich zu schätzen weiß.
Aber schauen wir mal in die Einzelheiten: Nehmen wir als Rechenbeispiel eine fiktive Summe von 100 Euro, die über den Flattr-Button auf meiner Seite an mich gezahlt wurde. Und schauen wir uns diese 100 Euro näher an – aus der Perspektive eines publizierenden Menschen, der beruflich ins Internet schreibt.
Für mich als hauptberuflichen Journalisten wird auf meine publizistische Arbeit Mehrwertsteuer fällig, allerdings der ermäßigte Satz von sieben Prozent. Heißt im Klartext: Aus steuerlicher Sicht setzen sich unsere angenommenen 100 Euro aus 93,46 Euro Honorar und 6,54 Euro Mehrwertsteuer zusammen. Die ich bei dem, was bei mir ankommt, schon mal runter rechnen muss.
Flattr ist allerdings das relativ egal, wenn es um die Gebühren – oder müsste man sagen: Provision? – geht, die der Micropayment-Dienst einstreicht. Jeweils zehn Prozent von allem Geflattrten: Das macht auf die genannten 100 Euro dann zehn Euro, bitte.
Hinzu kommen als nächstes zwei Euro im Monat, die ich wiederum selbst verflattre. Eigentlich eine gute Idee, die auf der Gegenseitigkeit dieses Dienstes beruht(e) – und deswegen habe ich bislang auch nicht ernsthaft versucht, diese Zahl auf Null zu setzen, obwohl das inzwischen gehen soll. Also: noch mal zwei Euro runter.
Und dann möchte ich das Geld, das mir andere via Flattr zukommen ließen, vielleicht auch mal nutzen. Dazu muss ich es von diesem Dienst wo anders hin transferieren. Und dafür brauche ich, bislang jedenfalls, andere Web-Einrichtungen als Mittelsmänner: direkt auf mein Girokonto kann ich es nicht überweisen. Gehe ich über PayPal, die einfachste Möglichkeit, bin ich wieder Geld los: zwei Prozent der zu transferierenden Summe. Da muss ich die 100 Euro zu Grunde legen, auf die muss ich ja auch die Mehrwertsteuer abführen. Und bin mit zwei Euro Gebühren für das Abheben bei Flattr dabei.
Wenn ich zusammenrechne: 100 Euro, so unser fiktives Beispiel, haben meine Leser mir zukommen lassen.
Davon gehen ab: 10 Euro Flattr-Gebühren. 6,54 Euro Mehrwertsteuer. 2 Euro monatliche Flattr-Kosten. Und weitere 2 Euro Flattr-Transaktionsgebühr beim Abheben.
Macht unterm Strich… 20,54 Euro. Von den 100 Euro bleiben mir also 79,46 Euro – ein gutes Fünftel weniger als das, was meine Leser mir zukommen lassen wollten. Und zwar bevor (!) ich meine Einkommenssteuer, Kranken- und Sozialversicherung bezahlt habe. Als Bruttogehalt, gewissermaßen.
Keine richtig gute Relation, oder? Klar, hätte ich jeden Monat Flattr-Einnahmen von, sagen wir, mehreren tausend Euro, würde ich abwägen – die dafür nötigen Transaktionskosten gegen den Verlust dieser Einnahmen insgesamt.
Doch bei maximal 30 Euro als Einnahmen für professionelle Tätigkeit? Und bei einem Unternehmen, das wie die Bank immer gewinnt? Das bringt’s doch nicht. Schon gar nicht angesichts des damit verbundenen Aufwandes bei der Umsatzsteuervoranmeldung.
Ich will nicht unfair sein: Die Idee hinter Flattr ist gut. Aber eigentlich nur was für Amateure – oder Großverdiener. Für sonstige professionelle Urheber macht es einfach keinen Sinn. Zum Jahresende lösche ich meine Flattr-Buttons und löse den Account auf.
Nachtrag: Fun Fact: Das ist jetzt – keine zwei Stunden nach der Veröffentlichung – mein meist geflattrter Blogeintrag…