Die Macht der Bilder & die Gefahr der Inszenierung

Nein, vermutlich hat kein vernünftiger Mensch erwartet, dass sich Staats- und Regierungschefs zahlreicher Nationen beim Solidaritätsmarsch für die Opfer der Terroranschläge in Paris am vergangenen Sonntag unter die Millionenmenge der Demonstranten gemischt haben. Gerade nach solchen Anschlägen wie dem auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist es nicht verwunderlich, dass Sicherheit für prominente Politiker einen wichtigen Stellenwert hatte.

Zugleich sollte die Beteiligung der Staats- und Regierungschefs auch ein Zeichen der Solidarität setzen. Ein ehrenwertes Ziel, nur: um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es einer Inszenierung. Und die Medien haben bei dieser Inszenierung mitgespielt. Denn die Spitzenpolitiker waren nicht nur, verständlich, vom Rest des Trauermarsches abgeriegelt – sondern sie waren davon so weit entfernt, dass sich in der Tat die Frage aufdrängt, ob sie tatsächlich daran teilgenommen oder ihn gar, wie es unisono in den Berichten hieß, angeführt haben.

Erst mit ein bisschen Verspätung wurde diese massive Trennung in Medien thematisiert. Als einer der ersten brachte der britische Independent das zur Sprache. Paris march: TV wide shots reveal a different perspective on world leaders at largest demonstration in France’s history, titelte das Blatt und zeigte dazu die passenden Bilder.

Und wie zu erwarten: Durch die nachträgliche (!) Thematisierung fühlten sich die bestätigt, die ohnehin die These vertreten, dass die Presse manipuliere, falsch berichte und die Darstellung der Realität bewusst verzerre. (Nein, Links dazu bringe ich hier nicht.) Natürlich fiel dann auch wieder das Unwort des Jahres, der Begriff Lügenpresse.

Gerade weil das so zu erwarten war: Warum eigentlich haben TV-Sender, Nachrichtenagenturen, Zeitungen im Rahmen ihrer Berichterstattung neben (!) dem Herausstellen der Solidarität nicht zumindest erwähnt, dass die schönen Bilder , nun ja, gestellt waren? Warum nicht auf die legitimen Sicherheitsbedürfnisse verwiesen, statt den Eindruck nun zu erwecken, sie hätten sich willig an einer  Inszenierung beteiligt?

Wenn es ein journalistisches Grundprinzip ist, nicht nur eine Seite zu zeigen – wäre das nicht gerade bei einer so wichtigen Kundgebung für ermordete Journalistenkollegen erst recht eine Verpflichtung gewesen?

Einen kleinen Vorbehalt muss ich machen: Ich habe weder die ganze Live-Berichterstattung des Pariser Trauermarsches verfolgt, noch kenne ich das komplette von den Nachrichtenagenturen verbreitete Bildmaterial. Deshalb kann ich auch nicht sagen, ob es letztendlich nicht nur die Auswahlentscheidung in den Redaktionen war, bei denen die Übersichtsbilder unter den Tisch fielen. Am Endergebnis, am medial erzeugten Gesamtbild, ändert das nichts.

Aber, auch das muss man an der Stelle sagen, schlimmer geht’s immer: Ein ultra-orthodoxes Blatt in Israel hat das Foto der Politiker noch ein bisschen ge-photoshopped und Bundeskanzlerin Angela Merkel wie andere Frauenaus dem Bild entfernt. Weil Frauen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben.

Nachtrag: Ein gestelltes Foto darf Geschichte schreiben, kommentiert die Süddeutsche Zeitung. Dem würde ich noch nicht mal widersprechen – aber ich würde verlangen: Dass dazu gesagt wird, dass es sich um ein gestelltes Foto handelt. Oder soll das suggerieren, man müsse davon ausgehen, dass solche medienwirksamen Fotos immer gestellt wären? Das wäre eine Bankrotterklärung.

Nachtrag 2: Der Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat im tagesschau-Blog auf die Vorwürfe reagiert. Seine Erwiderung halte ich nicht für so ganz glücklich, und wenn er schreibt:

Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung. (…)  Kein Foto zeigt “die” Realität. Jedes Foto zeigt einen Ausschnitt, und gleichzeitig gibt es viel mehr, was das Foto nicht (!) zeigt. Das ist kein Frisieren, kein Zensieren und kein Inszenieren. Das ist Journalismus, das ist die Auswahl von Bildern, Ausschnitten und Fakten. Das ist harte journalistische Arbeit, die sich an ethischen und handwerklichen Standards messen lassen muss.

hat er genau so Recht wie er sich die Frage gefallen lassen muss: Bei jeder Pressekonferenz weiß der Zuschauer, dass es eine Inszenierung ist. Musste er das bei dem Marsch in Paris auch wissen?

(Die ARD hat wohl, darauf legt Gniffke auch Wert, in der Live-Berichterstattung die größere Perspektive mit den Politikern ohne Menschenmenge gezeigt. Allerdings, so vermute ich, nur in der Live-Übertragung?)

Noch mal unterm Strich: Ich halte das, was da passiert ist, nicht für eine Manipulation, die den Begriff Lügenpresse rechtfertigt. Aber ich halte es für nicht für die journalistische Arbeit, die hätte geleistet werden müssen. Zumal, auch wenn es eine Vermutung ist: Ein solcher Kundgebungsverlauf in etlichen außereuropäischen Ländern hätte sehr wahrscheinlich Eingang in die Berichterstattung gefunden.

Und dieser satirische Aspekt muss noch sein: Man kann ja nicht nur die Frauen aus einem Foto herausretuschieren.

(Foto: Spitzenpolitiker beim Trauermarsch am 11. Januar 2015 in Paris -Foto NATO)

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Thomas Wiegold
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12 Antworten zu Die Macht der Bilder & die Gefahr der Inszenierung

  1. moonofa schreibt:

    „Durch die nachträgliche (!) Thematisierung fühlten sich die bestätigt, die ohnehin die These vertreten, dass die Presse manipuliere, falsch berichte und die Darstellung der Realität bewusst verzerre. (Nein, Links dazu bringe ich hier nicht.) Natürlich fiel dann auch wieder das Unwort des Jahres, der Begriff Lügenpresse.“

    Ich bin einer derjenigen der die Medien beschuldigt (hat) hier (und in anderen Fällen) kollektiv zu lügen. Ich halte „Lügenpresse“ in diesem Zusammenhang für absolut berechtigt.

    Das Foto wurde von einem katalanischen Fernsehsender getweetet (https://twitter.com/324cat/status/554286762479353856/photo/1) und ist seit gestern 7:00 morgens deutscher Zeit auch auf meinem Blog zu sehen. Das Bild war auf Twitter sehr verbreitet. (Mein Tweet dazu an den Public Editor der NYT wurde über 100 mal retweetet.) Selbst der Independent (und die BZ) hecheln der tatsächlichen Nachrichtenlage also mindestens 24 Stunden hinterher.

    Es kann sich eigentlich kein Journalist der sich mit dem Marsch in Paris befasst hat damit herausreden das er nicht wusste das dieses eine reine „Photo Op“ war. Selbst eine minimale Recherche hätte ergeben müssen daß die Politiker dort nie an dem Marsch teilgenommen haben. Die sind mit dem Bus in eine leere, abgesperrte Strasse gefahren worden, dann wurden Fotos gemacht und es ging ab in den Bus und zurück. Den Marsch haben die höchstens im Fernsehen gesehen.

    Wer wie die NYT dann berichtet das die sich in den Marsch eingereiht hätten („… joined the march in a solemn line. They moved slowly, clasping arms to show solidarity with the victims. The crowd roared in approval.“) der lügt. Eindeutig. Die „crowd“ hat die Politiker nie gesehen.

    Solch eine Lüge reiht sich ein in diejenigen zum Irakkrieg, „Bankenrettung“, „demokratischen Machtwechsel“ in der Ukraine, der anti-Syrien Propaganda und viele andere größere und kleiner offensichtlicher Manipulationen der letzten Jahre.

    Warum wundern sich angesichts solcher Vorkommnisse die Medienmacher überhaupt das sie nicht mehr ernst genommen werden? Glauben die das es keiner merkt wenn die (fast) alle lügen? Für wie dumm halten die uns Leser eigentlich?

    Das „Unwort des Jahres“ (haben Journalisten es dazu ausgewählt?) sollte man tatsächlich zum „Wort des Jahres“ erklären.

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Zum „Unwort des Jahres“, der Begründung der Wahl und wie das bei ScienceFiles zerlegt wird: https://lawgunsandfreedom.wordpress.com/2015/01/13/von-der-lugenpresse/

  3. Gregor Keuschnig schreibt:

    Die Verteidigung der SZ ist erbärmlich. Es geht nicht um die Tatsache der Inszenierung an sich, sondern darum, dass wohl ausnahmslos alle Korrespondenten vor Ort und Journalisten in den Redaktionen diese Inszenierung entweder nicht bemerkt haben – dann wären sie Fehl am Platz – oder bewusst verschwiegen hatten. Das erinnert mich u. a. an den Fall der Saddam-Statue in Bagdad, die angeblich auch von einer großen Menschenmenge begrüsst wurde, die sich dann aber auch nur als ein Häuflein herausstellte. Dazu seinerzeit ein interessanter Artikel der SZ – von Bernd Graff, der zu dem Schluss kommt: „…wenn symbolische Handlungen einen kathartischen Effekt haben, dann nur für die Handelnden selber.“ ( http://www.sueddeutsche.de/kultur/der-sturz-der-statue-saddamt-in-alle-ewigkeit-1.421742 )

  4. Pingback: Manipulative Bilder aus Paris und Fragen an die beteiligten Journalisten | Metronaut.de

  5. jw schreibt:

    Ich halte das sehr wohl für einen journalistischen Skandal und kann jeden verstehen, der das Wort Lügenpresse benutzt. Will kaum glauben, dass nicht ein (deutsches) „Qualitätsmedium“ in seiner Berichterstattung darauf hingewiesen hat. Unfassbar. Dieser SZ-Kommentar hätte auch im Bundeskanzleramt bzw von einem Regierungssprecher geschrieben sein können.
    Aber, nun gut, ich bin „vermutlich kein vernünftiger Mensch“.

  6. wiegold schreibt:

    Ich habe jetzt oben mal die Stellungnahme der Tagesschau nachgetragen (übrigens auch mit dem Hinweis, dass die ARD in der Live-Übertragung wohl die ganze Perspektive gezeigt hat).

    Und ich bin übrigens nicht der Meinung, dass der Begriff Lügenpresse damit gerechtfertigt ist. Siehe oben.

  7. axel_f schreibt:

    Sorry Herr Wiegold, ich verstehe nicht wenn die tagesschau schreibt:

    „Flankiert von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem malischen Präsident Ibrahim Boubacar Keita, die Arme untergehakt und in einer Reihe mit weiteren Staats- und Regierungschefs, lief Hollande bei dem „Republikanischen Marsch“ mit. In einer Reihe schritten auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Insgesamt nahmen mehr als 40 Staats- und Regierungschefs an dem Marsch teil.“

    Das es erstens eine Inszenierung ist (da Politiker auf dem Bild sind) und zweitens die Bezeichnung „an dem Marsch teil“ keine Teilnahme im sinne von teilnehmen sondern damit im Zusammenhang mit Politikern eine Teilhabe wird.

    Auch der Begriff „lief“ und ich denke damit ist das laufen also die Bewegung vom A nach B, gemeint in dem Satz „lief Hollande bei dem „Republikanischen Marsch“ mit“ ist also nicht möglich da Politiker nicht laufen.

    Helfen sie mir was ist das? Wie würden sie es benennen?

    Wir reden hier nicht nur über, ein Foto das „einen Ausschnitt [zeigt], und gleichzeitig gibt es viel mehr, was das Foto nicht (!) zeigt“ sondern um einen journalistischen Text in dem das Bild beschrieben wird.

    Ihnen danke ich für ihre Ausgewogenheit und den versuch einen Sachverhalt immer aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen.

    Mehr als eine Million Menschen in Paris: Frankreich setzt ein Zeichen | tagesschau.de http://www.tagesschau.de/ausland/trauermarsch-paris-111.html

  8. Ingo Müller schreibt:

    Hatte mir die Tagesschau vom 11.1.2015 noch mal angesehen. Es taucht kein Indiz über die Inszenierung auf. Vielmehr wird mittels Schnitt, Kameraperspektive, Tonmischung und Off-Sprecher die Illusion erschaffen, dass die Staatschefs an der Spitze des Zuges gingen.

  9. springfeld schreibt:

    Eine Frage zur Bild Quelle: NATO, die? Warum, wenn, macht die Bilder von einem Trauermarsch?

    • wiegold schreibt:

      Die NATO hat deswegen Bilder veröffentlicht, weil NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg unter den Politikern war, die bei diesem Ereignis dabei waren. Da ich keinen Zugriff auf die Bilder der Nachrichtenagenturen habe, die NATO-Pressefotos aber verwenden darf (und dieses Bild auch nicht schlecht finde, zumal es ein klein wenig anders aussieht als die meisten veröffentlichten), habe ich das zur Illustration genommen.

  10. wiegold schreibt:

    (Aus gegebenem Anlass der Hinweis: Nein, das ist kein Thread zur allgemeinen Diskussion der Anschläge in Paris. Kommentare, die sich über das hier angesprochene Medien/Politiker-Thema hinaus allgemein mit den Anschlägen befassen, haben deshalb auch hier nicht den richtigen Platz. Bitte suchen Sie das dafür passende Forum im Internet. Danke.)

  11. axel_f schreibt:

    Der Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke hat sich erneut geäußert.

    Nachtrag: Die Verschwörung von Paris
    Mein Blogeintrag von gestern hat eine Menge Resonanz gefunden. Viele User haben sich an meinem bellenden Ton gestoßen. Ich fürchte, mit Recht. Ja ich hatte gestern eine ziemliche Wut im Bauch, aber dieser Zustand ist kein sonderlich guter Ratgeber, schon gar nicht wenn man Verantwortung für die Tagesschau trägt. Und noch eine Korrektur muss ich anbringen.
    http://blog.tagesschau.de/2015/01/14/nchtrag-die-verschwoerung-von-paris/

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