Nachrichten oder Propaganda? Ein exemplarischer Twitter-Dialog

Weil der unerklärte Bürgerkrieg in der Ost-Ukraine auch ein Krieg um Wahrnehmung und Informationen ist, stehen die Medien bei ihren Berichten über die Auseinandersetzungen unter besonderer Beobachtung. Das ist gut und richtig so, führt allerdings dazu, dass selbst die Wiedergabe der Aussagen einer Konfliktpartei gerne als Propaganda verunglimpft wird – und das jeweilige Medium als Propagandaschleuder beschimpft. Dass – zumal westliche – Medien sich dabei von dem Grundsatz leiten lassen (sollten), beiden Seiten Gehör zu geben, hilft da wenig, weil es der Gegenseite eben schon nicht passt, dass die andere Seite überhaupt zu Wort kommt.

Das gilt in besonderem Maße für Nachrichtenagenturen, die sich dem – schnellen – Berichten von Fakten verschrieben haben und dabei auch die Aussagen einzelner Konfliktparteien wiedergeben, auch wenn sie – was in Konfliktregionen an der Tagesordnung ist – zunächst nicht überprüfbar sind. Dieser Mechanismus scheint nicht immer akzeptiert. Dazu exemplarisch ein Twitter-Dialog zwischen dem Kollegen Jens Best und mir am (heutigen) 30. Juli:

Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtete auf ihrer Nachrichtenseite (die leider kontinulierlich verändert wird und deshalb keinen beständigen Link für einzelne Geschichten hat) über eine Aussage einer Regierungs-Quelle der Ukraine, die Separatisten hätten den Absturzort des Fluges MH17 vermint. Diese Meldung (die leider wie alle Meldungen auf der Seite hosted.ap.org kontinulierlich verändert wird und deshalb keinen beständigen Link für einzelne Geschichten hat)bzw. den zu der Zeit aktuellen Link dazu habe ich per Twitter verbreitet:

was zur ersten Reaktion von Jens Best führte

und zu meiner Antwort. Danach ging dann der Dialog richtig los.

 

Allerdings: während wir noch so munter diskutierten, änderte AP Überschrift und Einstieg seines Berichts – die Überschrift war nun nicht mehr Ukraine official: Rebels lay mines near crash site, sondern mit einem ganz anderen Schwerpunkt: Ukraine: Clashes prevent visit to jet debris site. Wenn auch weiter mit dem Verweis darauf, dass nach offiziellen Angaben der Ukraine die Absturzstelle bzw. die Zugänge vermint seien:

Ukrainian government security spokesman Andriy Lysenko added to security concerns Wednesday by claiming that separatists „have mined the approaches to this area. This makes the work of the international experts impossible.“ Even if rebels leave, he said it would take time to remove the mines and make the area safe.

… was Jens wiederum nicht passte:

 

Warum ich das hier so ausführlich schildere? Weil es exemplarisch zeigt, wie Berichterstattung schnell als Propaganda abgetan wird, wenn sie nicht ins eigene Konzept passt. AP hat bei der ersten Meldung wie auch bei der Neufassung sehr klar gekennzeichnet, dass sie eine Aussage eines offiziellen ukrainischen Sprechers wiedergeben – und mit dem Begriff claiming klar gemacht, dass es eine nicht verifizierte Aussage ist . Die sie, wie viele andere Aussagen in einer Konfliktregion, (zunächst) nicht nachprüfen können. Mit anderen Worten: Das kann stimmen, muss aber nicht – und die Kollegen machen das auch deutlich.

Die Forderung, auf eine solche – in den möglichen Konsequenzen weitreichende – Aussage in einem Bericht zu verzichten, nur weil sie für die Medien nicht überprüfbar ist, ist so wohlfeil wie unsinnig. Kein Medium ist in der Lage, alle Aussagen von Konfliktbeteiligten und/oder offiziellen Stellen jederzeit auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Dass Journalisten zunächst die Plausibilität prüfen, ist ebenso klar wie der Versuch, die Fakten aus anderer Quelle bestätigt zu bekommen. Was nicht immer gelingt, schon gar nicht in kurzer Zeit.

Nach dieser Logik dürfte es Meldungen über die aktuelle Auseinandersetzung im Gaza-Streifen nicht geben: Die Informationen kommen fast ausschließlich von Konfliktbeteiligten (ein paar wenige von den Vereinten Nationen) und sind für die Journalisten nicht nachprüfbar. Also auf jegliche Berichterstattung verzichten – oder schreiben: es gab Explosionen/Angriffe, aber über die Opfer haben wir nur Angaben der Hamas oder Israels, deshalb melden wir sie nicht? Das wäre erst recht unsinnig.

(Hinweis 1: Ich kenne Jens, wir können sonst gut miteinander reden, sind aber an dieser Stelle offensichtlich sehr unterschiedlicher Meinung. Hinweis 2: Ich habe bei der Nachrichtenagentur dpa volontiert und gearbeitet, später auch bei AP, und zugegebenermaßen eine Affinität zu diesem Teil der Medienbranche.

(Foto: Pro-russische Separatisten an der Absturzstelle des Flugs MH17 am 22. Juli 2014 – Jeroen Akkermans via Flickr unter CC-BY-NC-SA-Lizenz)

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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6 Antworten zu Nachrichten oder Propaganda? Ein exemplarischer Twitter-Dialog

  1. Jens Best schreibt:

    Dein Blogpost unterstellt ich hätte ein, wie du es nennst, „Konzept“ hinsichtlich des Konfliktes in der Ostukraine. Dem ist nicht so, damit ist deine Grundannahme hinsichtlich der Ursache meiner Kritik falsch.

    Der Aufbau des Artikels diente einem Crescendo der Hindernisse, die die Absturzstelle unzugänglich machen. In der ursprünglichen Version wurden belegte Hindernisse und die propagandistische Aussage zu den Minen durch zwei hintereinanderstehende Absätze und die Wahl der Verben geschickt in eine Aufzählungsform gebracht. Das ist mindestens unsauber, ggf. manipulativ.

    Natürlich kann man den Artikel auch so lesen, dass er die ukrainischen „Offziellen“ als geschickte Lügner überführt. Der gleiche „Offizielle“ antwortet z.B. ausweichend auf die Frage, ob denn vielleicht die Kriegsgewalt beider Seiten die Aufräumarbeiten behindere. Er sagt, sie würden an der Absturzstelle nicht kämpfen, aber „die Versorgungslinien“ versuchen zu unterbrechen. Das geschulte Auge erkennt, zusammen mit der ohne jegliche Belege in die Landschaft gestellten „Minen-Behauptung“, dass dieser ukrainische „Offizielle“ Propaganda statt Information verbreitet.

    Es stellt sich aber dann schon die Frage, wie zwischen einem rein nachrichtenagentur-Berichtswesen und dem völligen fehlen kritischer westlicher Journalisten eine glaubhafte Berichterstattung über die Ostukraine in Deutschland möglich sein soll. – Mal ganz davon abgesehen, dass wir alle wissen, was sogenannte „BILD-Journalisten“ oder andere Meinungsmanipulatoren ähnlichen Schlages aus dieser Nachrichtenagentur-Meldung machen.

    Wir haben alle gesehen, was auch die „etablierten Medien“ aus dem „Rebellen mit dem Teddy“-Foto gemacht haben – eine Welle des (unberechtigten) Hasses gegen angeblich unmenschliche Rebellen. Auch nach der Video-Aufklärung habe ich in keinem(!) deutschen Medium eine Richtigstellung gefunden.
    Hier wird, ähnlich wie bei der Unterdrückung unliebsamer Aspekte der Maidan-Aufstände, eine unaufgeklärte möchte-gern-journalistische Arbeit geleistet, die auf eine unangenehme Weise der herrschenden westlichen Geopolitik in die Hände spielt OHNE aber die Menschen im Westen mitzunehmen.
    Man braucht sich nicht zu wundern, das der Riese Europa wie unter Narkose durch die Welt fällt, wenn man die eigenen Ansprüche an die anderen durch das eigene Handeln negiert. Wasser predigen, Wein trinken führt in geopolitschen Fragen nicht zum (langfristigen) Erfolg, von einer cosmopolitischen Weiterentwicklung der globalen Geopolitik ganz zu schweigen.
    Ein Europa, das weiter mit einem Büchlein schlauer Sprüche und einem Wertebild im zerfallenden Rahmen durch die Welt taumelt, wird von niemand auch nur ein Fitzelschen Glaubwürdigkeit bekommen. Zeit, den Spiegel in die Hand zu nehmen und sich zu fragen, mit welchem Antlitz man durch die Welt laufen will und anderen etwas von Humanität etc.pp. zu erzählen.

    Jens

  2. wiegold schreibt:

    Der Vollständigkeit halber noch weitere Aussagen von Jens dazu auf Twitter:

  3. wiegold schreibt:

    Auf die letzten Aussagen von Jens in den Tweets (s.o.) möchte ich noch eingehen:

    Ob der AP-Journalist nachgehakt hat, weiß ich jedenfalls nicht. Dass es in dem Bericht nicht steht, heißt nicht, dass es nicht passiert ist.

    Und die Aussagen zur Kriegs-Logik… nun ja. Warum sollte irgendjemand Bewaffnetes offizielle OSZE-Inspektoren am Zugang zur Absturzstelle hindern? Muss wohl auch Propaganda gewesen sein.

  4. Jörg B. schreibt:

    …das mit einem Zugang der OSZE – die im übrigen KEINE Luftfahrtunfallanalyseexperten sind – würde ich mir als Rebellen auch genau überlegen. Insbesondere nach der „Wiener Abkommen“-Nummer, wo ja „OSZE-Experten“ festgesetzt wurden, die ja eben KEINE echten OSZE-Überwacher waren, sondern Militärs (auch Deutsche) in Zivil.
    Die richtigen Luftfahrtunfallanalyseexperten sollen ihre Arbeit tun dürfen und dazu müsste übrigens auch die ukrainische Seite ihre militärische Aktivität einstellen. Es scheint aber so, die haben daran überhaupt kein Interesse!

    • wiegold schreibt:

      Nein, bitte, jetzt nicht dieses. Der Blödsinn mit ‚Das waren gar keine echten OSZE-Leute‘ etc. ist längst entlarvt und taugt nur noch als Propaganda-Tool (http://www.zeit.de/politik/2014-05/ukraine-osze-fragen). Das jetzt auch noch zur Rechtfertigung des Verhaltens der Separatisten heranzuziehen, ist ziemlicher Quark.

      Und da dies mein Privatblog ist, ist meine Troll-Toleranz auch äußerst gering. Tschüß.

      • Jörg B. schreibt:

        Guten Abend.

        Nein mir liegt fern zu trollen o.ä., keine Sorge, dazu ist das Thema einfach zu ernst.

        Im von Ihnen verlinkten Zeitartikel wird aber leider nicht mit einem Wort die Aussage von OSZE-Sprecher Claus Neukirch erwähnt, der im ORF-Interview darauf Wert legt, bei den 13 Personen nicht von OSZE-Mitarbeitern zu sprechen. Insofern teile ich Ihre Bewertung als „Propaganda-Tool“ so nicht.

        Er weist darauf hin, dass eine andere OSZE-Beobachter-Mission parallel ja am laufen sei, die 13 Personen jedoch „bilateral unter einem OSZE-Dokument tätig sind“.

        Sie unterliegen nicht einmal einer Berichtspflicht gegenüber der OSZE, was wiederum sogar im von Ihnen erwähnten Zeit-Artikel selbst fast am Ende steht.

        Das nur zur Präzisierung und wird auch meine letzte Antwort in dieser Angelegenheit sein, versprochen 😉

        Grüße aus Hessen
        Jörg B.

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