Profi-Bilder für alle: Das Experiment Common Lens

Wer professionell oder semi-professionell im Internet publiziert, aber keinen Verlag im Rücken hat, stösst schnell auf ein Bildproblem. Symbolfotos sehr unterschiedlicher Qualität gibt es über die entsprechenden Agenturen, frei verfügbare Bilder unter Creative Commons-Lizenz in noch unterschiedlicherer Qualität bisweilen auch. Aber professionelle Fotos zu und von aktuellen Ereignissen oder Personen der (Bundes)Politik sind praktisch nicht zu bekommen – entweder können sich kleine Online-Medien und Blogger diese Bilder der großen Agenturen gar nicht leisten, werden vom Marktführer vielleicht auch für Geld und gute Worte nicht beliefert , oder es greift das Zeit-Problem: Die meisten Profi-Fotos dürfen nur eine begrenzte Zeit im Netz genutzt werden.

Deshalb bin ich sehr gespannt, welche Marktchancen eine neue Fotoagentur hat, die am (heutigen) 29. April startet: Common Lens, eine Neugründung von Fotojournalisten der pleite gegangenen Nachrichtenagentur dapd, hat gerade die Internet-Publikationen im Auge (pardon für das schwache Wortspiel). Aus dem Mission Statement der zwei Frauen und vier Männer:

Wir glauben nicht an den Tod des Fotojournalismus verursacht durch Smartphones, Digitalkameras oder das Internet.Mit dem Projekt CommonLens begeben wir uns auf die Suche nach einem neuen fotojournalistischen Ansatz in einer Umgebung inszenierter Realität. Wir suchen nach einem neuen Geschäftsmodell, das neben den klassischen Printerzeugnissen besonders Online-Medien und die persönlichen Medien wie Blogs, app.net-Nutzer, Google+er und Twitterer im Blick haben will. Journalismus muß fair vergütet werden.

Ich bin verdammt gespannt, ob das Geschäftsmodell aufgeht – und es den Kollegen gelingt, den fair vergüteten Journalismus mit dem Modell durchzusetzen. Es ist ein Experiment, und in drei Monaten wissen wir mehr. Hoffentlich Gutes. Bis dahin checken sie ihre Marktchancen:

CommonLens bietet ab dem 29. April 2013 eine fotojournalistische Berichterstattung über die – aus unserer Sicht – wichtigsten Ereignisse in Berlin an mindestens 5 Tagen pro Woche an.
Wir starten mit einer 3-monatigen Probephase.
Jeder kann unseren Dienst abonnieren. Sie zahlen einmal pro Monat, was Ihnen der Dienst wert ist. Die Fotos können zeitlich und räumlich uneingeschränkt genutzt werden. Weiterverkauf ist nicht möglich. Nach der Probephase werden wir unser Bezahlmodell prüfen und ggf. nachjustieren.

Ich hoffe, die erklären den ganzen Bloggern da draußen noch mal verständlich, was da für eine Revolution drin steckt: Die Fotos können zeitlich und räumlich uneingeschränkt genutzt werden. Nicht: Das Nutzungsrecht erlischt nach drei Monaten oder einem halben Jahr, dann müssen die Bilder von den Seiten gelöscht werden (wer in ältere Meldungen auf den Online-Seiten von Zeitungen oder Magazinen schaut, wird feststellen, dass dort zwar die Texte stehen, aber fast nie die dazu gehörenden Fotos).

Den Leuten von Common Lens drücke ich auch ganz eigennützig aus drei Gründen die Daumen: Zum einen brauche auch ich für mein Blog Augen geradeaus! solche Bilder. Zum zweiten hoffe auch ich, dass eine Refinanzierung von Internet-Angeboten über faire Vergütung funktioniert. Und zum dritten: Ich war mal Redakteur des deutschen Dienstes der Nachrichtenagentur Associated Press, eines der Agenturangebote, die in dapd aufgegangen und mit dieser Agentur gestorben sind. Schon allein deshalb haben die Fotokollegen meine volle Solidarität.

(Foto mit freundlicher Genehmigung von Common Lens)

Advertisements

Über wiegold

Thomas Wiegold
Dieser Beitrag wurde unter Diese Medien abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.