McGyver-Journalismus? Klappt nicht immer.

Ich liebe ja mein Schweizer Taschenmesser (das Exemplar oben im Bild trage ich seit gut 25 Jahren mit mir um die Welt). Und kann wirklich eine Menge damit machen. Wenn ich allerdings eine Tretkurbel ausbauen oder einen undichten Wasserhahn reparieren will – greife ich doch lieber in meinen Werkzeugkasten. Ich bin ja nicht McGyver, der in der Lage ist, mit so einem Taschenmesser, ein bisschen Klebeband und notfalls zusätzlich einer Büroklammer eine Atombombe zu entschärfen. Und auch die Elektriker, Klempner und Autoschlosser und Fahrradmechaniker, die ich bislang kennengelernt habe, wussten den Wert passenden Werkzeugs immer zu schätzen.

Im Journalismus geht der Trend derzeit in die gegensätzliche Richtung – wie mir auffiel, als ich heute dieses Foto in meinem Twitter-Stream sah. Dem Journalismus 1993 mit Laptop, Foto- und Videokamera, (Cassetten)-Aufnahmegerät und klobigem Handy steht da der Journalismus 2013 mit einem Smartphone gegenüber: Das Schweizer Taschenmesser der Kommunikations- und Medienwelt.

Sehr hübsch, eigentlich. Aber ein Denkfehler.

Wie mein kleines rotes Taschenmesser kann auch ein Smartphone all das, wofür noch vor ein paar Jahren eine Vielzahl von Geräten nötig war. Und es ist immer dabei. Aber wie mein kleines rotes Taschenmesser kann auch ein Smartphone mit noch so ausgefeilten Apps manche Dinge eben nur gerade so. Und nicht immer so, dass es für journalistische Zwecke ausreicht.

Erinnert sich jemand an den barbusigen Protest der Femen-Frauen gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Hannover-Messe 2013? Das lief so schnell ab, und die Fotografen waren so weit entfernt, dass das iPhone-Foto aus der Distanz wenig gezeigt hätte. Diese ikonischen Bilder wären ohne professionelle Kameras nie entstanden.

Hat schon mal jemand versucht, eine (mit 3.000 bis 4.000 Zeichen nicht allzu lange) Nachrichtenstory oder gar eine Reportage auf dem Smartphone zu tippen? So richtiger Schreibfluss, glaube ich, kommt da nicht zu Stande.

Wer schleppt übrigens die nötigen Adapter mit, um sein Smartphone bei Veranstaltungen über eine XLR-Buchse an die Splitbox anzuschließen und so den professionell geregelten Mikrofonton aufnehmen zu können?

Da gibt’s bestimmt noch etliche Beispiele.

Natürlich sind die kleinen Mobilgeräte unübertroffen, schnell ein Foto, einen O-Ton, einen kurzen Text ins Netz zu stellen oder an die Redaktion zu schicken. Und zur Dokumentation ist ein Immer-Dabei-Gerät natürlich unschlagbar. Journalistische Profis sollten nur nicht der Illusion erliegen, dass sie mit einem solchen Handy und den nötigen Apps schon den kompletten Werkzeugkasten in der Tasche hätten. Wenn der Klempner kommt, bringt er ja auch die Rohrzange mit. Und nicht nur sein Taschenmesser.

(Auf meine Mobilausstattung hatte ich hier schon mal hingewiesen. Und ja, ich bin ein paar Jahrzehnte älter als die Smartphone-Apologeten. Was meine Gründe ja nicht obsolet werden lässt.)

 

 

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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5 Antworten zu McGyver-Journalismus? Klappt nicht immer.

  1. Jürg Vollmer schreibt:

    Lieber Kollege Wiegold,

    Dass die Rohrzange des Klempners mehr kann, als das Schweizer Offiziersmesser, möchte ich nicht mal als Schweizer bestreiten. Aber jetzt mal ehrlich: Was kann Ihr Olympus-Recorder besser aufnehmen und schneiden (!), als es ein iPhone mit dem RØDE iXY-Mic könnte? Und was kann Ihre Canon (IXUS?) besser fotografieren und nachbearbeiten (!), als es ein iPhone könnte?

    Das hat nichts mit dem Jahrgang zu tun (den wir uns beinahe teilen), sondern mit Mobilität. Ich möchte jedenfalls nicht mehr mit einem 4 Kilogramm schweren Uher 4000 Monitor auf Reportage gehen müssen und ich vermisse dessen 12-Minuten-Schnürsenkel-Tonbandspulen kein bisschen. Genau so wenig, wie ich meine Video filmende Spiegelreflex-Canon gegen die gefühlt tonnenschwere Ikegami TV-Kamera aus den 1990er-Jahren eintauschen würde.

    Und auf meinem iPad habe ich schon längere Texte als «nur» 4000 Zeichen geschrieben – den Unterschied hat niemand gemerkt.

    Das heutige iPhone ist qualitativ schon um einiges besser, als meine ersten Digital-Spiegelreflexkameras. In ein paar Jahren wird das iPhone (mit integriertem optischem Zoom-Objektiv) so gut sein, wie eine heutige Consumer-Spiegelreflex. Und Sie werden es nicht mehr gegen Ihren Olympus-Recorder und Ihre Canon IXUS eintauschen wollen. Darauf wette ich eine Kiste Bier 😉

  2. wiegold schreibt:

    Werter Kollege Vollmer,

    Sie haben einen Punkt – auch wenn natürlich der Vergleich zwischen dem iPhone und einem Uher4000 ein ganz klein wenig unfair ist 😉

    Nein, ich kann mit dem Audiorecorder nicht schneiden, ich kann mit der Canon nicht nachbearbeiten (obwohl ich die natürlich nur wg. der Größe angeführt habe, das Mittel der Wahl ist inzwischen die Olympus OM-D). Aber ich möchte nicht, vielleicht kann ich es auch einfach nicht, den vergleichsweise bescheiden großen Smartphone-Bildschirm nutzen müssen, um aus 100 Bilder das beste auszusuchen. Oder drei Audio-Dateien zusammenführen… Und eine 4.000-Zeichen-Geschichte möchte ich nicht auf einem Smartphone-Bildschirm tippen, geschweige denn eine längere. Vielleicht haben Sie da einfach Übung, mein Ding ist es nicht.

    Auch wenn die technische Qualität der Smartphones immer besser wird: Der begrenzte, weil taschenkompatible Bildschirm wird aus meiner Sicht auch künftig viele Arbeiten zur Qual machen, so gut er auch sein mag. Ich habe vor fast 30 Jahren auf den Zwei-Zeilen-Displays eines Tandy 80 geschrieben und mich über die acht Zeilen des TRS200 gefreut. Als optimales Arbeitsgerät habe ich das nie empfunden.
    Unterm Strich: Ich habe gerne einen anständigen Bildschirm und eine anständige Tastatur, auch unterwegs. Und das allein spricht aus meiner Sicht schon für Netbook bzw. Laptop. Und bis ein iPhone die 16MP-Fotos mit 9 Bildern pro Sekunde schafft, wird es auch noch eine Weile dauern…

  3. Jürg Vollmer schreibt:

    Liebe Kollege Wiegand,

    Auch ich arbeite gerne auf einem anständigen Bildschirm und einer anständigen Tastatur. Das kann für mich unterwegs aber auch das iPad mit einer Bluetooth-Tastatur sein – wenn ich dafür keinen Schlepptop mitochsen muss (und gleichzeitig noch alle meine Lieblingszeitschriften als App dabei habe). Das ist, wie Sie schreiben, wohl nur Gewöhnungssache.

    Ob wir alle dümmer sterben müssten und die nächste russische Revolution noch länger warten müsste, wenn wir den barbusigen Protest der Femen-Frauen gegen Putin und Merkel an der Hannover-Messe nicht (dank Spiegelreflexkameras) gesehen hätten, wage ich allerdings zu bezweifeln. Relevanz sieht anders aus. Wenn ein Ereignis wirklich wichtig ist, genügt auch ein iPhone-Foto. Die Bilder vom Kennedy-Mord 1963 sind Ikonen geworden, obwohl ihre Qualität locker jedes iPhone unterbietet.

    (( Ironie-Modus ein )) Dass mein iPhone noch keine 16MP-Fotos mit 9 Bildern pro Sekunde schafft, ärgert mich natürlich masslos. Gerade Gestern hätte ich den Bulldozer in einem Bergsturzgebiet gerne mit 9 Bildern pro Sekunde fotografiert – und der Unterschied zwischen 8 MP und 16 MP wäre in den gedruckten Tageszeitungen und im Internet sicher jedem Betrachter aufgefallen … (( Ironie-Modus aus ))

    Mit herzlichen Grüssen (und die Kiste Bier habe ich schon bereit gestellt)

    • wiegold schreibt:

      Und Wiegand statt Wiegold hat Ihnen die Autokorrektur des iPhone diktiert? 😉

      (Welches Bier denn?)

  4. Jürg Vollmer schreibt:

    Also das Bier ist dafür nicht verantwortlich, das steht immer noch im Kühlschrank: Ein malziges «Blutzcher» (benannt nach einer lokalen Münze aus dem 16. Jahrhundert) aus unserer hiesigen Surselva Bräu.

    «Schuld» an der Namensverwechslung ist unser Kollege Markus Wiegand, Chefredakteur des «Schweizer Journalist», den ich gerade gelesen habe …

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