Hinter der Paywall: Ende der Diskussion

Es gab mal eine Zeit, da waren Gastbeiträge in renommierten Zeitungen für alle Beteiligten eine feine Sache. Die Zeitung profitierte von den (meist) bekannten Namen oder anerkannten Experten, die zu einem bestimmten Thema etwas für sie verfassten. Die bekannten Namen, oft Politiker, aber auch Fachleute mit hoher Reputation, erreichten auf diesem Wege viele Leser und konnten so ihre Position oder Expertise im Originaltext bekannt machen. Und für die Öffentlichkeit waren diese Gastbeiträge ein wichtiger Teil der öffentlichen Debatte über ein Thema.

Das ist vorbei, oder schlimmer noch: es hat sich ins Gegenteil verkehrt.

Aufgefallen ist mir das in dieser Woche an einem Beispiel, das leider in der deutschen Öffentlichkeit keine große Rolle spielt: Die Bedeutung des freien Seehandels für die Exportnation Deutschland. Mehr als 95 Prozent des weltweiten Ferngüterhandels werden über den Seeweg abgewickelt, und Deutschland ist als Exportweltmeister, aber auch beim Import von Rohstoffen von diesen Lieferungen per Frachtschiff und Tanker abhängig. Deutsche Reeder betreiben die drittgrößte Handels- und die größte Containerflotte weltweit. Mit anderen Worten: Die Sicherheit der Seewege, und daran hat auch die Deutsche Marine mit ihren Kriegsschiffen einen Anteil, ist für die deutsche Wirtschaft verdammt wichtig.

Da könnte es doch schon interessant sein zu lesen, was ein hochkarätiges Autorenteam mit maritimer Expertise dazu zu sagen hat: Lutz Feldt, ehemaliger Marineinspekteur und früherer Präsident des Deutschen Maritimen Instituts (DMI); Hans-Joachim Stricker, früherer Befehlshaber der Flotte und derzeitiger DMI-Präsident; und die beiden Wissenschaftler Carlo Masala und Konstantinos Tsetsos von der Bundeswehr-Universität München. Also zwei ehemalige Admirale in ehrenamtlicher und quasi-öffentlicher Funktion und zwei öffentlich besoldete Hochschullehrer.

Die haben unter dem Titel Kein Land in Sicht? einen Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung verfasst. Darin muss es wohl, so kann ich nur vermuten, um diese maritime Abhängigkeit Deutschlands gehen. Gelesen hat ihn vermutlich nur eine relative Minderheit: Die Leser der gedruckten FAZ – nach Eigenangabe gut 350.000 Exemplare am Tag – und diejenigen, die bereit sind, hinter die Paywall der FAZ zu gucken. Hinzu kommen diejenigen in Politik und Verwaltung, die ausgewählte FAZ-Artikel in ihrem Pressespiegel geliefert bekommen.

Gewiss, das ist eine stolze Zahl. Aber mit einem Schönheitsfehler: Was auf diesen Verbreitungsweg beschränkt bleibt, bleibt auch in der Diskussion auf den Leserkreis der FAZ beschränkt. Sozusagen: Nur wer katholisch ist, kann über den Papst mitdiskutieren.

Die Beschränkung auf die gedruckte Zeitung und das Verstecken des Gastbeitrags hinter einer Paywall sorgt nämlich vor allem für eines: Dieser Text wird – und bleibt – der öffentlichen Debatte entzogen. Was die Kenner des Maritimen zu sagen haben (und sie erheben, glaube ich, schon den Anspruch, dass es hier um eine politische Debatte von Bedeutung geht), wird keinen Eingang in die Diskussionen zu diesem Thema finden. Vielleicht wird es gelegentlich mal von dem einen oder anderen Journalisten in Auszügen zitiert, vielleicht findet sich was davon in einer wissenschaftlichen Arbeit oder in Fachzeitschriften wieder.

Nun mag die maritime Abhängigkeit Deutschlands für die breite Öffentlichkeit ein Randthema sein. Aber dieses Muster wiederholt sich ja auch in anderen Fällen: Wer einer Zeitung etwas exklusiv als Gastbeitrag zur Verfügung stellt, läuft Gefahr, dass sein Text damit der öffentlichen Debatte entzogen wird. Ich vermute, meist ohne sich dessen bewusst zu sein. Weil er der Illusion anhängt, dass ein einziges Medium in diesen Tagen noch öffentliche Debatte darstellen kann – und den Wandel der öffentlichen Diskussion durch das Internet, durch das Teilen von Debattenbeiträgen, durch simples Sharing einfach noch nicht verstanden hat.

Ehe ich hier falsch verstanden werde: Es geht mir dabei nicht um journalistische Leistungen, die eine Zeitung aus nachvollziehbarer eigener Entscheidung nur ins Printprodukt hebt und im Internet nur gegen Geld zugänglich macht. Es geht um Beiträge von außen, von Politikern oder Experten, nicht um Journalismus. Über die Reichweite ihrer eigenen Geschichten müssen Journalisten und Medien selbst entscheiden. Die Reichweite von externen Beiträgen künstlich zu verringern, ist das Gegenteil dessen, wofür Medien da sind.

Nachtrag (12. April): Inzwischen steht der Gastbeitrag, der Anlass für diesen Blogpost war, offen zugänglich im Internet – warum auch immer: Kein Land in Sicht?

(Foto: Die Fregatte Lübeck begegnet vor der spanischen Atlantikküste einem Frachtschiff, beladen mit Containerversetzkränen – Bundeswehr/Böhnke via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

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Thomas Wiegold
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17 Antworten zu Hinter der Paywall: Ende der Diskussion

  1. Jochen Hoff schreibt:

    Entschuldige bitte. Das ist genau das, was mit einer Paywall und dem LSR erreicht werden sollte. Die Herrschaften bleiben unter sich. Und vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn die genannten Reeder sind ja nur deutsch, wenn es um Subventionen und Abschreibungen geht. Ansonsten haben sie längst in Billigländer ausgeflaggt und sollen sich bitte auch von dort verteidigen lassen.

  2. Der erste, der über die Reichweite seines Textes entscheidet, ist der Autor. In diesem Fall hat der Autor entschieden, seinen Text in der gedruckten FAZ zu veröffentlichen. Er hat sich damit gegen die Erstveröffentlichung im Internet entschieden. Kann man kritisieren, aber Adressat hierfür ist zunächst der Autor und dann die FAZ. Mit Paywalls hat das in erster Näherung nichts zu tun.

    • wiegold schreibt:

      Das unterstellt, dass sich die Autoren in diesem Fall bewusst waren, dass ihr Text hinter einer Paywall verschwindet. Und da wäre ich mir nicht so sicher…

  3. Jörg schreibt:

    Wieso wird ein Gastbeitrag der öffentlichen Debatte entzogen, nur weil er im Internet hinter einer Paywall steht? Als die Gastbeiträge lediglich in den gedruckten Ausgaben von Zeitungen erschienen, konnten sie doch auch nur von denjenigen gelesen werden, die ein Exemplar der Zeitung erwarben – also eine Paywall überstiegen – oder in einer öffentlichen Bibliothek Zugang zu der Zeitung hatten. Einen Einfluss auf die öffentliche Debatte konnten die Verfasser dieser Beiträge schon damals nur dann nehmen, wenn etwa durch andere Zeitungen zitiert wurde oder sich Rezipienten öffentlich dazu äußerten. Diskussionen wurden damals dadurch doch auch nicht verhindert, oder erinnere ich mich da falsch?

    • wiegold schreibt:

      Nein, die FAZ und die andren Zeitungen haben sich nicht verändert, und die Art der Debatte bei ihnen und über sie nicht. Aber das Internet hat die ganze öffentliche Debatte verändert und neu strukturiert. Wo früher ein FAZ-Leser zum anderen sagte hast du schon gesehen?, prägen heute Links und Verweise die öffentliche Diskussion – und damit eben über den vergleichsweise kleinen Kreis der Leser des originären Printprodukts hinaus. Was ist, an Öffentlichkeitswirksamkeit gemessen, das Kaffeepausen-Gespräch zweier FAZ-Leser gegen eine Verlinkung auf Facebook?

  4. Steffen Kutzner schreibt:

    Bevor es das Internet gab, waren (auch) Gastbeiträge doch immer jenen vorbehalten, die das Print-Produkt gekauft haben – wer die Zeitung nicht gekauft hat, konnte den Beitrag nicht lesen. Demzufolge hätte im analogen Zeitalter ohnehin niemals irgendeine öffentliche Debatte stattfinden können. Nur weil es inzwischen gang und gäbe ist, wertvolle Informationen und Beiträge kostenlos im Internet zu „sharen“, muss sich keine Zeitung mit Online-Ressort diesem irrationalen Ausverkauf anschließen. Der Beitrag suggeriert, dass eine öffentliche Debatte ausschließlich unter Einbeziehung des Internets stattfinden kann. Aber ist das tatsächlich so?

  5. wiegold schreibt:

    Mir scheint, hier reden wir über zwei verschiedene Dinge. Es geht nicht darum, dass ein Medium seine journalistischen Kronjuwelen für lau verschleudert. Sondern darum, dass externe (!) Gast/Meinungsbeiträge, die ausdrücklich keine journalistische Eigenleistung sind, genau so wie die journalistischen Beiträge behandelt werden. Das kann man machen, niemandem spreche ich dieses Recht ab. Die externen Fachleute, Politiker etc. müssen sich dann nur bewusst sein, dass sie die Debatte eindeutig auf die Leser des jeweiligen Mediums beschränken und die in Zeiten des Internets deutlich größere beteiligte Öffentlichkeit ignorieren. Wie gesagt, es ist deren eigene Entscheidung. Ob Admiral a.D. Feldt das Problem des Umgangs mit der maritimen Abhängigkeit Deutschlands auf die Diskussion im FAZ-Leserkreis beschränkt sehen möchte, wage ich aufgrund meiner Kenntnis seiner Person allerdings zu bezweifeln.

    • Jopp schreibt:

      Genauso ist es. Admiral Feldt, Stricker, Prof. Masala und seinem Mitarbeiter ging und geht es um die Förderung eines Problembewußtseins zum globalen Thema maritime Sicherheit. Hätte es noch einer Bestätigung bedurft, so ist diese am 08. und 09. April in Kile auf der nationalen maritimen Konferenz geliefert worden. Das BMWi denkt immer noch nicht in sicherheitspolitischen Dimensionen. Über eine geopolitische und geostrategische Diskussion zur ungehinderten Nutzung der Hohen See für eine Exportnation wie Deutschland ganz zu schweigen. Und dabei geht es beileibe nicht um das Thema Ausflaggung. Das ist zu billig. Aber wer will, kann sich ja die Bundestagsdrucksachen zum Thema nationale maritime Konferenz herunterladen. Fazit: aus viel Druckerschwärze wurde kaum etwas bewegt (wie die Schleusentore des Nord-Ostsee-Kanals). Auch die Elbvertiefung ist eine nationale Aufgabe und sollte nicht den Nicklichkeiten von Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein überlassen werden.
      Die FAZ hat hier aus kleingeistiger Gewinnerzielung eine Chance vertan.

    • Steffen Kutzner schreibt:

      „Die externen Fachleute, Politiker etc. müssen sich dann nur bewusst sein, dass sie die Debatte eindeutig auf die Leser des jeweiligen Mediums beschränken“ – natürlich sind sie sich dessen bewusst. Man beschränkt einen redaktionellen Beitrag, egal woher er kommt, doch immer auf den entsprechenden Leserkreis. Es ist doch gar nicht möglich, siene Meinung absolut jedem zugänglich zu machen – jedes Medium hat beschränkte Nutzerkreise – Flugblätter genauso wie Facebook.
      Die Kernfrage ist also nur, ob den Gastautoren mitgeteilt wurde, dass ihr Beitrag nicht in die riesigen Leserkreise des kostenlosen Internets geworfen werden würde. Sie sagen ja in einem Kommentar, dass Sie sich “da nicht so sicher” sind. Diese Unsicherheit ließe sich vermutlich mit einer kaum zweiminütigen Telefon-Recherche bei der FAZ oder alternativ bei einem der Gastautoren klären…
      (Der Beitrag ist übrigens kostenlos bspw. auf http://seefahrer.blog.de/2013/04/07/land-sicht-15729905/ zu finden.)

      • wiegold schreibt:

        Hm, wie zu einem anderen Kommentar angemerkt, ist es schon grenzwertig, wenn das Seefahrerblog auf den bei einer Bw-Uni gespeicherten Artikel zugreift. Ich möchte die Debatte, ob das mit den Bestimmungen des Urheberrechts vereinbar ist, nicht führen müssen.
        Aber was den von Ihnen vermuteten Wunsch der Herren Feldt & Co. betrifft, die hätten ihren Beitrag auf die FAZ-Leserschaft beschränken wollen: Siehe die Antwort von Jopp, der auch aus diesem Umfeld kommt. Ich würde das ausschließen.

        • Steffen Kutzner schreibt:

          Weniger beschränken “wollen”, als viel mehr “müssen”, weil es jeder Veröffentlichung in einem Medium sozusagen inne wohnt, seine Inhalte ausschließlich den Rezipienten des entsprechenden Mediums zu offenbaren. Anders formuliert: Wenn Feldt & Co. das Problembewusstsein stärken und das Thema mehr in die Öffentlichkeit rücken wollten, weshalb wird dann der Text als Gastbeitrag ausschließlich an die FAZ verkauft und nicht auf den themenverwandten Webseiten, Blogs, etc. veröffentlicht, auf Facebook verlinkt und so weiter, sodass der Leserkreis möglichst groß wird? Wenn ich als “Whistleblower” in meinem kleinen Kämmerchen pfeife (indem ich mein Thema nur einem einzigen Medium zur Verfügung stelle), ist mein Aufruf doch von vornherein zum Scheitern verurteilt.

  6. martin r. schreibt:

    Hier gibts den Text dann Doch noch umsonst:

    [Das ist mir jetzt urheberrechtlich gesehen ein wenig zu heikel - bei einem Text, den die FAZ ja bewusst hinter einer Paywall versteckt. Ich mache deshalb den, zugegeben schmutzigen, Trick, auf das Seefahrerblog zu verlinken. Vielleicht trauen die sich ja, direkt auf den bei einer Bundeswehr-Uni gelagerten Artikel zu verlinken - das wirft ja auch schon wieder Fragen auf.... T.W.]

    http://seefahrer.blog.de/2013/04/07/land-sicht-15729905/

  7. Jopp schreibt:

    Die bisherigen Kommentare zeigen meiense Erachtens, wie wichtig der Einwurf von Herrn Wiegold war und bleibt. Es geht hier nicht um die Frage, wo zuerst veröffentlichen. Es geht um die grundsätzliche Frage: wo kann man überhaupt noch mit sicherheitspolitischen Themen Interesse wecken.
    Zwei Wissenschaftler und zwei hochrangige ehemalige Admirale der Deutschen Marine versuchen es über die FAZ, eine überregionale Tageszeitung mit politischem Tiefgang. Allerdings sind der FAZ wie der SZ, Welt und den Wochenzeitungen Spiegel und ZEIT die ehemals zahlreichen Redakteure zu sicherheitspolitischen Themen ausgegangen. Für alle genannten Zeitungen sind diese heute an den Fingern beider Hände abzuzählen. Dies wissen auch die Redaktionen.
    Und wenn sich dann mangels eigener Masse und Klasse kein geeigneter Journalist für die Thematik maritime Sicherheit findet, sollte man froh um diesen Gastbeitrag von Feldt, Stricker, Masala und Co. sein. Nur so läßt sich derzeit gerade in den einschlägigen Ressorts AA, BMWi, BMZ etwas bewegen.
    Dies ist die taurige Botschaft von Herrn Wiegold.

  8. Lukas Tonetto schreibt:

    Können ja den Text selber auf ein Blog stellen. Meine Güte, immer diese Hysterie, bloss weil sich eine Zeitung das Recht nimmt, sich für ihre Produkte bezahlen zu lassen. Der Blogger wäre der erste, der aufheulte, wenn er für einen Gastbeitrag kein Honorar erhielte.

    • wiegold schreibt:

      Welcher “Der Blogger”? Meine Güte, immer diese Hysterie, wenn man mal Paywalls nicht für die beste Erfindung seit geschnitten Brot hält.

  9. wiegold schreibt:

    @all

    Siehe Nachtrag oben – der genannte Gastbeitrag ist bei der FAZ inzwischen offen online zugänglich.

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