Jenseits der Apps: Mobiler Journalismus ohne Smartphone.

Tipps für mobilen Journalismus, für die Technik, von überall ins Netz zu gehen und seine Texte, Bilder und Videos hochzuladen, gibt es mittlerweile in sehr großer Zahl. Alle diese hilfreichen Hinweise haben einen kleinen Nachteil: Sie konzentrieren sich fast nur noch auf Smartphones und Apps. Ohne eine iPhone oder Android-Smartphone, maximal einen Tablet-Computer, scheint mobile Berichterstattung gar nicht mehr möglich zu sein.

Das ist ein Irrtum.

Zugegeben, ein Smartphone mit den passenden Apps ersetzt vom (Schreib)Computer über das Audio-Aufnahmegerät bis zum Ü-Wagen inzwischen etliche teure und schwere Gerätschaften. Aber ähnlich wie ein Schweizer Taschenmesser (die ich sehr schätze) auf meist niedriger Stufe. Kein Handwerker würde seinen Werkzeugkasten in der Werkstatt lassen und nur mit einem Taschenmesser oder Multitool mit möglichst vielen Funktionen zum Kunden aufbrechen.

Das fängt ganz simpel beim Schreiben an: Wer Texte produziert, sei es zum direkten Einstellen ins Netz oder als Vorlage für Audio oder Video, wird ab einer gewissen Länge mit einem Smartphone nicht mehr glücklich. Mal eben 3.500 Zeichen auf dem iPhone tippen? Lieber nicht (obwohl das im Notfall natürlich geht). Beim Foto aufs Zoom verzichten? Manchmal sehr ärgerlich. Und natürlich kann man auch ein Smartphone an die Splitbox bei einer Pressekonferenz anschließen. Falls man daran gedacht hat, einen Adapter für XLR-Stecker zu besorgen.

Deshalb (und weil ich, zugegeben, gar kein Smartphone besitze), eine kleine Vorstellung meines Geräteparks für mobilen Journalismus ohne Smartphone. Zusammengerechnet, stelle ich übrigens fest, ist das noch nicht mal teurer als das neueste iPhone:

• Ein Netbook. Zehn Zoll Bildschirmdiagonale dürften für die meisten reichen, und ich habe bewusst eins ausgesucht, das unter 250 Euro kostet: Da ist der Verlust zu verschmerzen, wenn der Rechner mal hart angefasst wird (ich stopfe, notgedrungen, beim Hubschrauberflug über Afghanistan den Rucksack recht unsanft unter den Sitz – wenn dabei mein MacBook Pro zu Bruch geht, würde mich das doch sehr ärgern). Schreiben geht damit allemal, auch Audio-Dateien lassen sich damit noch passabel bearbeiten. Video ist allerdings ein Problem (dazu mehr unten).
Die meisten dieser Billig-Netbooks kommen mit einem Windows-System – hilfreich ist da ein Fachmann im Bekanntenkreis, der ein Linux-Betriebssystem installiert. Damit läuft die Kiste mit ihrer doch begrenzten Rechenleistung deutlich schneller. Ich habe mich, inzwischen schon vor knapp zwei Jahren, für ein Samsung NC10plus entschieden und mir darauf Ubuntu 12.04LTS installieren lassen.

• Ein Audio-Recorder – für Interviews und Veranstaltungsmitschnitte. Auch da ist in der Preislage bis rund 200 Euro einiges machbar. Entscheidender Vorteil gegenüber dem Smartphone: Die Aufnahmespeicher sind mit SD-Karten erweiterbar, und neben dem Standardformat MP3 sind andere, auch qualitativ bessere Aufnahmeformate möglich. Außerdem lassen sich viele unterschiedliche Mikrofone anschließen – vom Mitschneiden über den Pressesplit (mit passendem Kabel) ganz zu schweigen.In der Preislage gibt’s eine Vielzahl von Geräten, meine Wahl: Ein Olympus LS5 für rund 180 Euro (je nach Anbieter bisschen mehr oder bisschen weniger).

• Kamera – da bin ich, zugegeben, entscheidungsschwach und habe mehrere, die ich je nach Gewicht und Absicht auswähle. Die kleinste ist eine Canon IXUS 100 IS (nicht mehr aktuell, aber die letzte, die noch einen optischen Hilfs-Sucher hat). Meine  – relativ – größte die Olympus E420, nach wie vor die kleinste digitale Spiegelreflexkamera, die produziert wurde. Inzwischen gibt es sie nicht mehr; und das 2008 herausgekommene Modell ist von Sensor und Bildqualität technisch überholt – bei guten Lichtverhältnissen aber nach wie vor einsetzbar. (Da steht demnächst mal eine Investition an, aber so sehr pressiert es dann auch nicht.)


Boxer-Radpanzer in Masar-i-Scharif, Afghanistan – aufnommen mit der E420 mit dem Standard-Kitobjektiv

Für eine kleine Kompaktkamera, die fürs Web akzeptable Ergebnisse liefert und auch noch vom Weitwinkel bis zum moderaten Zoom einen halbwegs großen Brennweitenbereich abdeckt, ist man ebenfalls mit maximal 200 Euro dabei.

Abgerundet wird der Gerätepark durch ein Novoflex-Taschenstativ (auf dem steht im Foto oben die Spiegelreflexkamera), ein simples Handy (in diesem Fall: Nokia1202, in jedem afrikanischen Dorfladen für umgerechnet 25 Euro) und diverse Adapter, Kabel und Ohrhörer (nicht im Bild).

Ebenfalls nicht im Bild: Der Anschluss des Netbooks ans Internet, wenn es kein WLAN (WiFi) in Reichweite gibt. Auch da gibt’s etliche kostengünstige Lösungen:Für unter 60 Euro – zeitweise auch günstiger –  einen Surf-Stick von Aldi (richtig gelesen).Der hat den großen Vorteil, dass er ohne SIM-Lock verkauft wird, also eine beliebige SIM-Karte des gewünschten Netzanbieters verwendet werden kann (wer mit der vor allem auf dem Land schwachen Abdeckung des E-Plus-Netzes hinkommt, kann bei Aldi auch gleich eine Prepaid-Karte erwerben: 15 Euro Flatrate für ein monatliches Datenvolumen von 5 GB sind, wenn ich den Überblick nicht verloren habe, derzeit das günstigste Angebot in Deutschland).

Kurz mal überschlagen: 250 Euro fürs Netbook, 180 für den Audio-Recorder, 180 für die Kamera, rund 50 für den Surfstick. Macht 660 Euro – laut Heise-Preisvergleich ist ein iPhone 5 ohne Vertrag (!) im günstigsten fall 50 Euro billiger, bei vielen Anbietern allerdings nicht. Aber das ist natürlich etwas, was jeder für sich selbst entscheiden muss.

Mit dem oben vorgestellten setup kann ich: Texte schreiben, viel und lang. Audio-Aufnahmen machen und bearbeiten. Fotos machen, bearbeiten, veröffentlichen. Woran es vor allem bei einem Netbook in dieser Preisklasse hakt, ist Video (und ich habe meine Gelegenheits-Videokamera, eine Kodak Zi8 mit externem Mikrofonanschluss, deshalb oben auch gar nicht oben mit drauf genommen). Zur Not kann ich natürlich inzwischen auch mit jeder Kompaktkamera Videos drehen, oft auch in HD-Qualität – nur die Bearbeitung auf einem Netbook scheitert einfach an der schwachbrüstigen Rechenleistung. In dem Fall – und nur dann – ist aus meiner Sicht ein Smartphone die bessere Wahl – wenn man nicht zu einem leistungsstärkeren und teureren Rechner für unterwegs greifen will, zusätzlich zu einer Videokamera (oder Fotokamera mit akzeptabler Video-Option). Auch das ist eine individuelle Entscheidung. Ich bin halt nicht so der Typ für Video (von Ausnahmen wie Jung&Naiv mal abgesehen).

Ein Wort noch zur Software: Für meine journalistischen Bedürfnisse komme ich inzwischen (fast) komplett mit freier Software aus. OpenOffice oder LibreOffice für die Textverarbeitung, Audacity für den Audio-Schnitt, und die mit dem jeweiligen Betriebssystem mitgelieferte Software zum Umgang mit Fotos reicht mir in der Regel. Aber bei mir hat Text Priorität, dann kommen Audio und Foto, Video ist so was von optional. Your Mileage May Vary.

Unterm Strich: Mobiler Journalismus geht auch ohne Smartphone. Von der Arbeitsergonomie sogar deutlich besser. iPhone und Co. sind am Ende nur in einem Punkt deutlich überlegen: sie sind viel, viel leichter – und deswegen immer dabei. Wie das oben erwähnte Schweizer Taschenmesser. Das ja auch kein Profi-Werkzeug ist.

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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7 Antworten zu Jenseits der Apps: Mobiler Journalismus ohne Smartphone.

  1. opalkatze schreibt:

    Unterschrieben, allein schon, weil ich kein iGedöns haben will.

    Nebenbei: Hab seit Kurzem auch das LS5 mit ein bisschen Zubehör und bin damit sehr häppi, Audacity übe ich noch. Über Fotokrempel muss ich mich mal schlau machen, aber auch das eilt nicht wirklich.

  2. opalkatze schreibt:

    Btw, für das LS5 hätte ich gerne noch einen portablen Lautprecher, hast du eine Empfehlung? Braucht man doch schon mal statt Ohrhörer.

    • wiegold schreibt:

      Hab‘ mir mal so’n Miniding aus Singapur mitgebracht. Aber so kleine Schreikugeln gibt’s inzwischen auch hier massenweise, oder?

  3. opalkatze schreibt:

    Die bereits Ausprobierten scheppern fürchterlich, stört mich bei dem klirr- und schepperfreien Gerätchen besonders. Schreikugel ist auch hübsch.

  4. SchreckStarr schreibt:

    Beim mobilen Stick tun sich Aldi und LIDL nix, beide 15,- und 5 GB. Allerdings ist LIDL mit o2 im Raum Berlin seit vielen Monaten absolut unter aller Kanone. Aldi mit E-Plus, auf die im umgesattelt habe, ist ueberraschend schnell und hat deutlich aufgeholt (und im Gebrauch bei Ueberschreiten der taeglichen, maximalen Datenrate ein wenig flexibler als LIDL).

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