Deutsche! Hört keine Feindsender!

(Foto: flickr-user sveeta unter CC-BY-NC-Lizenz)

Der Begriff Feindsender gehört nach wie vor zum Wortschatz vieler Deutscher  – aus Erzählungen von Großeltern und Eltern kennen wir die Gefahr, die es während des Zweiten Weltkriegs mit sich brachte, Berichte ausländischer Sender zu hören, vor allem der britischen BBC: Auf das Hören dieser Feindsender stand damals die Zuchthausstrafe. Und in der DDR lebte dieser Begriff als Redewendung für Westsender fort.

Alles dunkle Vergangenheit. Zumal ja heutzutage internationale Informationen so leicht über das Internet zu bekommen sind – die Webseite der BBC ist wie die von CNN und vielen anderen ausländischen Medien nur einen Klick entfernt.

Und dennoch: die Feindsender-Mentalität lebt munter fort. Das fiel mir heute auf, als der BBC-Kollege Quentin Sommerville in einem Tweet für den brilliant BBC iPlayer warb. Der Versuch, diese App zu laden, endete in der lakonischen Mitteilung: Der von Ihnen angeforderte Artikel ist zur Zeit nicht im deutschen Store erhältlich.

Also kein BBC World Service zum Anhören für Deutsche. Jedenfalls nicht so einfach. Mit einem traditionellen Radioempfänger geht es ebenfalls kaum. In Berlin, vermutlich die deutsche Stadt mit den meisten potenziellen Hörern dieses Programms, wurde der BBC World Service auf einen schwachen Sender am Stadtrand verbannt und ist in weiten Teilen des Stadtgebiets kaum noch störungsfrei zu empfangen. Und die gute alte Kurzwelle geht schon mal gar nicht: Die Sendungen für Europa wurden schon vor Jahren eingestellt; höchstens mit einem guten Weltempfänger lassen sich zeitweise die Sendungen für Afrika oder Nahost aus dem Äther fischen. (Es bedarf keiner Erwähnung, dass im digitalen Radioempfang auf DAB+ die BBC in Berlin ebenfalls nicht vorgesehen ist.)

Aber wer hört schon Radio; BBC gibt’s doch auch im Fernsehen. Ja, natürlich. Wenn man einen Satellitenempfänger hat (die dazu gehörige Schüssel ist in vielen Wohnanlagen, so auch in meiner, unerwünscht). Oder seinem Kabelanbieter pro Jahr umgerechnet den Gegenwert eines sehr guten Weltempfängers überweist – alle Feindsender ausländischen Sender werden als heftiges Premium-Paket vermarktet.

Im terrestrischen DVB-T-Fernsehempfang, für meine Bedürfnisse völlig ausreichend,  sind in der deutschen Hauptstadt BBC und auch CNN gar nicht erst vorgesehen. Die zuständige Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg sorgte statt dessen dafür, dass drei bis vier Homeshopping-Kanäle und Bibel TV zu empfangen sind. Prioriäten halt.

Nein, Feindsender hören ist in Deutschland nicht mehr verboten. Es wird – von verschiedenen Seiten aus verschiedenen Gründen – nur so kompliziert, teuer und/oder unattraktiv gemacht, dass man es halt nicht mehr tut. Kann man doch alles im Internet nachlesen. Das lässt sich, wenn irgendwann der Bedarf mal bestehen sollte, auch viel einfacher abstellen als ein Kurzwellensender irgendwo im Ausland.

(Sehe gerade, dass ich zwar theoretisch via Internet das BBC-Fernsehprogramm empfangen könnte. Für fünf US-Dollar im Monat. Immerhin noch billiger als mein Kabelanbieter.Und auf der Webseite des BBC World Service kann ich, was auch nicht immer klappt, den Livestream hören. Aber beides ist wie alle Internet-Angebote im Zweifel leicht blockierbar – und sei es , heutzzutage sehr beliebt, aus Urheberrechtsgründen.)

Luxusprobleme? Vielleicht. Derzeit zumindest.

 

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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8 Antworten zu Deutsche! Hört keine Feindsender!

  1. Eine Art „Pflichteinspeisung“ ins Web sollte heutzutage selbstverständlich sein. Die Tatsache allein, dass die Telekom mit „Telekom Entertain“ den Menschen TV via IP-Leitung als Extraleistung verkauft ist ein Unding (und prinzipiell gesehen auch ein Verstoss gegen die Netzneutralität).

    Bin sehr gespannt, wie lange noch „Fernsehsender“ „TV-Programme“ als eine besondere Form des Datenstreams verkaufen dürfen.
    An dieser Stelle sollte auf das warnende Buch von Tim Wu „The Master Switch – Aufstieg und Niedergang der Informationsimperien“ hingewiesen werden.

  2. Hans de Vreij schreibt:

    I listen to BBC World Service on a WiFi-radio. Perfect.
    As far as geo-limited apps are concerned: use a VPN connection to the internet and change your virtual location as required. Also great for watching US, British etc. tv-documentaries.

  3. chickenhawk schreibt:

    Diese Misere ist aber nicht in erster Linie in Deutschland verschuldet. Die BBC vermarktet ihre – weltweit stark nachgefragten – Inhalte konsequent, so z. B. jetzt auch das Fernsehprogramm BBC World, soweit es über das Internet verbreitet wird.

    Den BBC World Service Hörfunk kann man aber als Livestream problemlos und zuverlässig auch hierzulande hören:

    http://www.bbc.co.uk/worldservice/meta/tx/nb/live/eneuk.pls

    bzw.

    http://www.bbc.co.uk/worldservice/meta/tx/nb/live/ennws.pls

    Dasselbe gilt für BBC Radio 4 und BBC Five Live, wo jeweils auch Nachrichtensendungen laufen. Unabhängig vom BBC iPlayer gibt es auch alles als Podcast zum Nachhören:

    http://www.bbc.co.uk/podcasts

  4. chickenhawk schreibt:

    In die deutschen Kabelnetze wird BBC World ja eingespeist, das ist dann in der Kabelgebühr mit drin. Mit »Entertain« ist die Telekom letztlich ebenfalls so etwas ähnliches wie ein Kabelanbieter, auch wenn IP-Technologie zum Einsatz kommt. Dafür, dass BBC World im Internet nicht mehr frei verfügbar ist, zeichnet alleine die BBC mit ihrer restriktiven Vermarktung verantwortlich.

    Eine terrestrische Verbreitung über DVB-T in Deutschland ist für die BBC sicherlich nicht attraktiv, denn dafür wird der Programmanbieter zur Kasse gebeten. Leider muss man auch konstatieren, dass fremdsprachige Fernsehprogramme wie BBC World oder auch CNN International in Deutschland so gut wie kein Publikum finden. Bei den Einschaltquoten liegen die im nicht mehr messbaren Bereich, sogar in Berlin. Wie gesagt: Leider.

    Was den BBC World Service (Hörfunk) angeht, würde ich Hans de Vreijs Anregung ausdrücklich unterstreichen: Am komfortabelsten geht das mit einem separaten WiFi-Radio, in Deutschland werden die Geräte auch vielfach als Internetradio bezeichnet. Mittlerweile findet man die in jedem Elektronikmarkt, bei Amazon sowieso.

    Man ist damit nicht an den PC gebunden, sondern kann den Empfänger z. B auch in der Küche oder im Badezimmer aufstellen. Und man hat Zugriff auf praktisch alle Hörfunkprogramme weltweit.

    • wiegold schreibt:

      So weit ich mich erinnere, gibt es in Deutschland andere Regionen, wo der eine oder andere ausländische Sender in der DVB-T-Ausstrahlung ist… (in NRW gibt es z.B. CNN im DVB-T – warum dann in Berlin nicht?)
      Zum anderen: Ja, BBC World Service (Radio) kann ich über Internet hören, am PC oder
      über einen entsprechenden Empfänger. Aber eben nicht mehr auf einem separaten Empfangsweg neben dem Internet. Und das gefällt mir nicht…

      Nachtrag: Noch mal geguckt: Es scheint, dass in Nordhrein-Westfalen als einzigem Bundesland mit CNN ein fremdsprachiger Sender im DVB-T-Angebot ist. In allen anderen Regionen scheint das nicht erwünscht… was ja meine These stützt: Früher wurden Feindsender verboten, heute werden ausländische Sender einfach nicht eingespeist, wir nennen es Markt.

      • chickenhawk schreibt:

        Mir gefällt das auch nicht. Als die BBC im Jahr 2011 die Ausstrahlung des World Service in Europa über den Sender Orfordness auf 648 kHz einstellte, habe ich mein Radio mit einem Trauerflor versehen. Die BBC hat ja auch weltweit die Verbreitung ihrer Fremdsprachenprogramme auf Kurzwelle drastisch zurückgefahren. Die Kurzwelle wird eigentlich schwerpunktmäßig nur noch für Afrika und für Afghanistan/Pakistan eingesetzt (ähnlich handhabt das übrigens auch die Deutsche Welle).

        Wie die Sendeplätze auf DVB-T im einzelnen ausgekegelt werden, entzieht sich meiner Kenntnis. Es trifft zu, dass in Nordrhein-Westfalen CNN International verfügbar ist. Das wäre dann aber auch schon alles in der Kategorie internationale Programme. Dafür fehlt aber z. B. Sport1.

        In Sachen Radio habe ich mich mittlerweile voll auf das Internet eingelassen. Einen DAB+-Empfänger werde ich mir für zu Hause gar nicht mehr zulegen.

        Man kann ja auch die Audio-Signale von CNN US, France 24 und Al Jazeera per Livestream hören. Unter dem Strich lebt der Nachrichtenjunkie eigentlich in goldenen Zeiten (vorausgesetzt, der Internetzugang funktioniert zuverlässig).

    • chickenhawk schreibt:

      Ich bin auch DVB-T-Nutzer, aber objektiv muss man sagen: Die Bedeutung ist eher gering.

      Die einschlägigen Zahlen habe ich gerade nicht präsent, aber die deutliche Mehrheit der Haushalte in Deutschland guckt Fernsehen entweder über Kabel oder Satellit (sowie ggfls. auch IP-TV wie Telekom Entertain). Und da gibt es auch BBC World.

      Vielleicht ist das ein Grund, warum sich bei der BBC niemand mehr großartig den Kopf über die terrestrische Verbreitung des Programms in Deutschland zerbricht.

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