Und kam die goldene Herbsteszeit… heißt es in einem der bekanntesten deutschen Gedichte, dem Gedicht über den Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Eines der bekanntesten deutschen Gedichte? Nun, was Theodor Fontane da aufgeschrieben hat, ist nicht in ganz Deutschland so bekannt: Wenig überraschend kennen es in der Altergruppe 40 plus die Wessis, diejenigen, die in der Bundesrepublik oder in West-Berlin zur Schule gingen.
Doch bei den Deutschen mit DDR-Sozialisation sieht das ein wenig anders aus. Ein Freund, ungefähr gleichaltrig und damit zur ungefähr gleichen Zeit die Schulbank gedrückt, aber im Osten, hatte von diesem Gedicht noch nie etwas gehört. Was nicht so verwunderlich ist: Den ostelblischen Junker als guten, gar sympathischen Menschen zu zeigen – da seien doch Arbeiter und Bauern vor!
Also ein guter Grund, mit ihm aufs Rad zu steigen und ins nahe (na ja, von Berlin aus) Havelland zu radeln. Nach Ribbeck. Ein Herbstritt sozusagen, den Fontane natürlich echt zu Pferde absolviert hätte (…und so ritten sie den Nachmittag hin auf Ribbeck zu…). Wir hingegen, ein wenig später, nehmen halt die Fahrräder. Der Wessi zeigt dem Ossi sein Land, ätzte mein Freund.
Die goldene Herbsteszeit war es fürwahr, und so führte uns der Weg durch Alleen, in denen sich die Sonne den Weg durch das Blätterdach brach
vorbei an lauschigen, versteckten kleinen Seen hinter verschlafenen Dörfern,
und an fleißigen Brandenburgern, die die Früchte des Herbstes feilboten,
da die Arbeit auf den Feldern getan war.
Allerdings ging es auch über Straßen, die der alte Fontane wohl als Gipfel der Mobilität in der Mark angesehen hätte, die uns auf den Rädern hingegen kräftig durchschüttelten.
Und so fuhren wir auf Ribbeck hin, nicht wissend, ob die alten Grenzen und Wege noch bestanden: Eine Karte, kurz nach Wendezeiten erstanden, zeigte zwar einen Weg quer durch ein Waldstück, dafür aber auch ein militärisches Sperrgebiet. In einer etwas jüngeren Karte war das Sperrgebiet nicht mehr verzeichnet – allerdings auch der Weg nicht.
Allein, die Sorge erwies sich als unbegründet. Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete.
Und, in der Tat, fein investiert Europa. Selbst das Geld für schicke Reflektor-Posten an der Wegseite ist vorhanden.
Und so näherten wir uns dem Ort des berühmten Gedichtes und des Birnbaums. Mit Blick auf Ribbeck war es Zeit für eine kurze Rast.
Das war auch besser so. Den geahnt hatten wir nicht, weder Ossi noch Wessi, welche, äh, ernorme touristische Erschließung das Dorf Ribbeck seit der Vereinigung durchgemacht hatte. Offensichtlich müssen die Busladungen kanalisiert werden, die über den berühmten Birnbaum herfallen…
Obwohl der derzeitige Birnbaum eher weniger imposant ist. Das Original, das Fontane als Vorbild diente, war wohl schon vor mehr als 100 Jahren am Ende.
Obwohl… hm…. da stimmt doch was nicht?
Also, im Gedicht heißt es recht eindeutig:
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab
… aber der Birnbaum da oben (und sein Vorgänger) stehen direkt neben der Kirche. Und beim Blick auf die andere Seite der kleinen Straße sehe ich
Irgendwie bekomme ich das nicht übereinander. Aber den Touristenstrom nach Ribbeck scheint es nicht zu stören.
Mein Ossi-Freund, übrigens, ist von dem ganzen Rummel gebührend beeindruckt. Was so ein Gedicht über einen ostelbischen Junker auslösen kann…
Aber zum Glück ist nicht alles in Ribbeck hochglanzpoliertes Touri-Design. Es gibt auch noch Dinge aus nicht ganz so alten Zeiten, zum Beispiel an der Hauptstraße:
Ach, sagt mein Freund erleichtert, das kenne ich. Das war das Kulturhaus. Gab’s bei uns in jedem Dorf.
(Der Herbstritt nach Ribbeck fand schon am 3. Oktober statt, dem Tag der Deutschen Einheit. Aber heute hat mich dieser Beitrag über die Apfelernte in der Vulkaneifel motiviert, das endlich mal aufzuschreiben.)
Genau das Richtige an so einem Tag, schön! (Warum ist hier kein Flattrbutton?) In der Eifel sind es heute 17°C, in einer Gegend und Höhenlage, in der im Hochsommer 25°C als tropisch gelten. Herrlich.
Zu den „Wanderungen“ (ich verehre Fontane) gibt es jede Menge wirklich gute Drittliteratur über Wege, Sehenswürdigkeiten und Einkehrmöglichkeiten abseits des Theodortourismus von Kulturhistorie bis GPS-Karten. Ein Blick lohnt sich, wenn du dort schon mal unterwegs bist.
Du hast mich jetzt wiederum inspiriert, den „Stechlin“ mal wieder zu lesen …(„Unterm Birnbaum“ würde ja auch gut passen ,)
Achj, der Flattrbutton… hab‘ den bislang nur für dieses Blog insgesamt installiert…
😉
(Danke schön.)