Juristin: Gehörlose „versagen objektiv bei der Erziehung“

Dies ist ein sehr persönlicher Blogeintrag.

Mich macht – vorübergehend – sprachlos, was ich gerade bei einer gehörlosen Bloggerin finde. Eine Mannheimer Juristin, nach eigener Darstellung Fachanwältin für Familien- und Erbrecht, verbreitet im Internet ihre Ansichten zum Thema Sorgerecht.

Ein Auszug:

Dann gibt es noch die Kategorie, bei der die Eltern objektiv bei der Erziehung versagen, es ihnen aber entweder gar nicht oder nur teilweise vorzuwerfen ist, dass sie ihr Kind gefährden. Sind die Eltern z. B. seelisch oder körperlich behindert, kann dies Störungen bei der Entwicklung des Kindes verursachen. So wenn die Eltern taubstumm sind, können sie ihrem Kind nicht das sprechen beibringen, obwohl es körperlich dazu in der Lage wäre.

Das Familiengericht kann in den vorgenannten Fälle tätig werden.

(Grammatikfehler aus dem Original übernommen)

Zunächst mal, wie im verlinkten Blogbeitrag schon angemerkt: Taubstumm ist der Begriff, der nicht nur ein etwas veraltetes Denken zeigt, sondern vor allem sachlich falsch ist. Dass jemand nicht hören kann, heißt keineswegs, dass er nicht sprechen kann – sei es mit normaler Lautsprache, sei es mit Gebärdensprache.

Unabhängig von diesem sachlichen Fehler: Es ist schlichter Unfug, zu implizieren, nicht-hörende Eltern führten dazu, dass Kinder nicht sprechen lernen. Auch in Mannheim gibt es möglicherweise (ich war schon lange nicht mehr dort) Kindergärten, Erzieherinnen, ja vielleicht sogar hörende Tanten und Großeltern. Und, pardon, einem Vater im Rollstuhl würde man wohl kaum vorwerfen, er setze sein Kind der Gefahr aus, nicht laufen zu lernen.

Ich gebe zu, ich bin da persönlich betroffen (im doppelten Sinn) – als Sohn gehörloser Eltern. Und ich habe dennoch, der Ansicht einer Fachanwältin zum Trotz, sprechen gelernt. (Sogar zu viel, wie manche meinen…)

Vielleicht ist der Fehler ja auch nur, dass das Standesrecht inzwischen Anwälten zugesteht, auf einer Webseite für sich zu werben.

P.S. Ich kann auch beweisen, dass ich sprechen kann!

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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4 Antworten zu Juristin: Gehörlose „versagen objektiv bei der Erziehung“

  1. feydbraybrook schreibt:

    Nicht zu fassen. Eigentlich sollten im Familienrecht juristisch Tätige etwas von Sozialisation verstehen, sollte man zumindest meinen. Dann würden sie vielleicht wissen, daß Sozialisation nicht nur in der Familie, sondern auch durch Institutionen wie Kindergarten und Schule, aber auch Medien und Peer Groups stattfinden.
    Selbst, wenn sie das nicht würden, bliebe immer noch die Frage, inwiefern eine sich selbst als „tolerant“ bezeichnende Gesellschaft in der Lage ist, von einer überholten Norm abweichende familiale Formen zu akzeptieren. Denn: die „normale Kernfamilie“, wie wir sie kennen, gibt es immer weniger. Es gibt Ein-Eltern-Familien, Patchwork-Familien, multiethnische Familien, usw. usw. Wichtig für die Erziehung ist vor allem eines: die Liebe und Zuwendung der Eltern gegenüber ihren Kindern und es ist eine Unverschämtheit von dieser Richterin, ihnen die Fähigkeit abzusprechen, ihr Kind zu erziehen, weil sie sich nicht auf dem üblichen Weg verständlich machen.

    http://feydbraybrook.wordpress.com/2011/09/10/lady-gaga-michael-jackson-und-die-beatles-bei-mcdonalds/

    • wiegold schreibt:

      Danke für den Kommentar – aber was der verlinkte Blogeintrag mit Gaga Jackson damit zu tun hat, erschließt sich mir nicht wirklich?

  2. Gaga Nielsen schreibt:

    Als ob heutzutage ein Video ein Beweis wäre. Schließlich weiß jeder, dass wir hier in Berlin ein Heer von arbeitslosen Synchronsprechern haben, die sich über jeden Kleinstauftrag freuen, und sei es einen Stummfilm über Armeewesten mit Ton zu versehen. Also ich bin da sehr skeptisch.

    Und ich kann noch weitere Argumente anführen. Meine Mutter ist von Geburts wegen mit einer kurzgeschnittenen Lockenfrisur gehandicappt. Das hat sich dementsprechend einschränkend auf meinen Haarwuchs ausgewirkt. Meine Freundinnen mit Müttern mit Langhaarfrisur hatten auch selber viel besseren Haarwuchs!

    (aber im Ernst: gut aufgegabelt und aufgespießt, Herr Wiegold)

  3. veselinovic schreibt:

    Ich sehe das erst jetzt, und ich gebe zu, es macht mich sprachlos, um nicht zu sagen stumm. Und noch etwas möchte ich anmerken (ich darf das, euch würde man vermutlich Rassismus unterstellen): immer öfter gerate ich durch meinen Beruf als Gerichtsdolmetscherin an „deutsche“ Anwälte Ex-jugoslawischer Herkunft, bei denen ich mich doch sehr frage, wer denen hier in Deutschland eine Zulassung gegeben hat. Homophobie, Behinderten-Bashing, Nationalismus, Unrecht… alles schon erlebt. Bei Ärzten, die in kommunistischen Ländern studiert haben, ist man da doch sehr viel strenger.

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