Neue Medien, uralte Prinzipien

Dieses Internet, von dem man so viel hört, diese sozialen Medien, Twitter, Facebook, wasweissichnoch, die haben doch das mediale Geschehen ganz doll verändert, oder?

Manchmal habe ich den Eindruck: Nein. Etliche Mechanismen, die seit meinem Berufseinstieg als Journalist vor dreißig Jahren galten, haben sich gehalten. Und nur den neuen Medien angepasst.

Drei Beispiele, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind:

Das Bild-Prinzip: Entscheidend ist nicht, wer eine Nachricht, eine Information als erster bringt. Entscheidend ist, wer den Aufmerksamkeitswert besitzt (mit alten Worten: Wer die Marktmacht hat), dafür zu sorgen, dass die Information wahrgenommen wird. Zum Beispiel im Fall der Fake-ZDF-Twitterer: Keiner hat wahrgenommen, wer diese Info schon im November vergangenen Jahres postete. Alle gucken darauf, wer das in diesen Tagen als neue Nachricht verbreitet hat.

Das Verschonen Sie uns mit Nebensächlichkeiten-Prinzip: War doch ne coole Show, die Mercedes bei der Präsentation der Concept-A-Class in Shanghai abgezogen hat. Da spielt es keine Rolle (und wurde wohl auch nicht thematisiert oder gar nicht wahrgenommen), dass man aus China keine Videos davon bei YouTube hochladen konnte, wie Alex Kahl auf dem offensichtlich einzig funktionierenden Videoportal SocialCam erläuterte. Wer wird denn darauf gucken, dass das Land solche Portale blockt, wenn es um Wichtigeres geht.

Das Viel vom Gleichen ist besser-Prinzip: (Da rede ich aus persönlicher Betroffenheit.) Google News verlinkt ja auch Blogs mit Nachrichten – offensichtlich ist dafür aber Bedingung, dass diese Blogs nur möglichst viele übernommene, möglichst wenig redaktionell bearbeitete Inhalte haben. Lustiges Beispiel: Mein Google News Alert zum Thema Afghanistan spült mir Meldungen von blogspan.net in die Mailbox, in denen lediglich über ots verbreitete Mitteilungen  gestreut werden. Das ist ja das Prinzip von blogspan-Presse, wie diese Webseite selber klar macht. Wenn ich dagegen meine redaktionellen Inhalte von augengeradeaus.net auch gerne bei Google News sähe, habe ich schlechte Karten:

Wir haben Ihren Antrag erhalten und können diese Quelle derzeit nicht in Google News aufnehmen. Wir nehmen keine Seiten auf, die lediglich von einer einzelnen Person geschrieben und verwaltet werden. Wir nehmen derzeit nur Artikel von Quellen auf, die als Organisation angesehen werden. Diese sind durch mehrere Autoren und Redakteure, Informationen über das Unternehmen und zugängliche Kontaktinformationen gekennzeichnet.

Na ja, das mit den zugänglichen Kontaktinformationen ist natürlich ’ne billige Ausrede. Ich mache halt den Fehler, nicht einfach Pressemitteilungen abzuschreiben. Denn nur dann scheint ein Blog bei Google relevant.

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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14 Antworten zu Neue Medien, uralte Prinzipien

  1. Pingback: Bendler-Blog » Blog Archive » Google ist ein Arsch. Und dumm.

  2. Peter Ehrlich schreibt:

    ja, so hat die Aufmerksamkeitsproduktion schon immer funktioniert. Übrigens kliener Hinweis auf die tweets neben dem Post. Da äußert sich der Regierungssprecher – der eigentlich im Urlaub ist. Twittert da der CVD des Presseamts mit Bild seines Staatssekretärs?

    • wiegold schreibt:

      Peter, bei den Tweets steht (wie auch auf der Twitter-Seite von @RegSprecher erläutert) in Klammern (BPA) dahinter – d.h. Seiberts Mitarbeiter schreiben das.

  3. Richard Gutjahr schreibt:

    …naja, also Bild-Prinzip halte ich im Zusammenhang mit der ZDF-Geschichte für daneben. Es ist ein Unterschied, ob man die Geschichte journalistisch erzählt, oder einen Bruchteil davon, als verlängerte Bildunterschrift in seinem Blog erwähnt. Medien-Marktmacht? Wohl eher Handwerk. Im Übrigen war der Zeitpunkt der VÖ nicht zufällig gewählt: ich habe mch mehrfach beim ZDF rückversichert (persönlich in Mainz und in Berlin auf der republica), dass Michael und Marco keinen Ärger kriegen. Schließlich wollte ich die Jungs nicht vorführen, schon gar nicht ihren Job gefährden. Bild-Prinzip? …hmmm – nein.

    • wiegold schreibt:

      Richard, ich verstehe, dass der Begriff Bild-Prinzip nicht so schmeichelhaft ist. Aber das dahinter stehende Prinzip gilt auch hier – und das nicht nur, weil die Geschichte einerseits journalistisch erzählt und andererseits eine verlängerte Bildunterschrift ist: Der Blogger Richard Gutjahr hat nun mal einen völlig anderen Aufmerksamkeitswert als das Adeffect-Blog, machen wir uns da nichts vor. Selbst wenn die die Geschichte genau so erzählt hätten wie auf gutjahr.biz…

      (Ich hab‘ während meiner knapp zwei Jahrzehnte bei Nachrichtenagenturen so was immer wieder erlebt.)

      • Richard Gutjahr schreibt:

        Sorry, wer eine solche Geschichte erfährt (siehe http://www.basicthinking.de/blog/2011/04/18/die-geschichte-um-zwei-zdf-twitterer-der-stoff-aus-dem-webhelden-sind/ dazu!) und dann so lieblos vernuschelt, darf sich nicht wundern, wenn das nicht wahrgenommen wird. Ein klassischer Elfmeter, der nicht genutzt wurde. Das hat nichts mit Bildzeitung zu tun sondern mit journalistischem Gespür und Storytelling. Ich bleibe dabei: Handwerk.

        • wiegold schreibt:

          Zum einen: Ich stelle den Gutjahr-Scoop doch nicht infrage.

          Zum anderen: Handwerk.

          Handwerk hieße unter anderem, am 13. oder 14. November, nach Veröffentlichung der „so lieblos vernuschelten“ Geschichte, mit der Recherche losgelegt zu haben. Hat aber keiner gemacht. Weil sie keiner wahrgenommen hat – und das nicht wg. der Art, wie sie geschrieben war.

          Wir reden hier über zwei unterschiedliche Gründe, warum die Geschichte im November vergangenen Jahres nicht wahrgenommen wurde. Dass Deiner stimmt, muss ja nun nicht heißen, dass meiner falsch ist.

          • Richard Gutjahr schreibt:

            Zitat von Michael Umlandt, einem der beiden ZDFonline-Twitterern auf Facebook:
            „Die Geschichte habe ich vor ca. 200 Studenten der HDM Stuttgart beim deutschen Multimediakongress erzählt. Darunter auch wichtige Medienmenschen die die Chance hatten die Story zu veröffentlichen. Pech! Sie haben die Chance nicht genutzt. Da waren einige dabei die sehr sehr viele Follower hatten. Es ist nicht Richards 11000 Follower zu verdanken, sondern seinem Gespür für die Geschichte, denn dieses Gespür hatte beim DMMK niemand!“

      • Daniel Freytag schreibt:

        Hey alle beide,
        ich misch mich jetzt auch mal ein bisschen ein.
        Ich finde, dass der Ausdruck „Bild-Prinzip“ nicht wirklich treffend gewählt ist, schließlich kann man auch als „kleiner Blogger“ ein relativ breites Publikum ansprechen wenn man sich wirklich dafür einsetzt. Wenn man aber nur so nebenbei erwähnt, dass da beim ZDF was ist, kann das ja nichts werden.
        Ich blogge selber über diverse (internationale) Filmthemen. Dort habe ich bei 0 angefangen und in letzter Zeit bin ich teilweise immer mehr zu einem Ansprechpartner geworden…..
        Deshalb finde ich Richard’s Argumentation durchaus richtig, wenn er sagt, dass auf Bloggen Handwerk ist

  4. mo. schreibt:

    In dem Zusammenhang ist vielleicht auch das „große Thema Networking“ zu beäugen. In den letzten Jahren hieß es immer, DASS ist das große Ding. Dabei ist das Prinzip so alt, wie Menschen den Planeten bevölkern. Man braucht halt immer wieder (er)neue(te) Hypes.

  5. Pingback: Vorspeisenplatte » Blog Archive » Journal Dienstag, 19. April 2011

  6. opalkatze schreibt:

    Bild-Prinzip finde ich auch ein bißchen heftig. Sagen wir doch einfach, wer ein Thema am piblikumsfreundlichsten aufbereitet, bekommt die Aufmerksamkeit, und das ist Handwerk.

    Mit Google ging es mit genau so. Ärgerlich.

  7. christophboehm schreibt:

    Hi zusammen,

    darf ich mich auch einmischen…da ich die Unterhaltung unglaublich interessant und richtig finde. Und ich muss Wiegold recht geben. Die Idee der sozialen Netzwerke (Twitter, Facebook…) ist doch diejenige, dass einer der eine Information hat sie dort hochstellt und ganz demokratisch von allen anderen auf den Informationsgehalt geprüft wird und falls es etwas ganz neues und aufregendes ist die Gemeinschaft dann die Information „promoted“.

    Tatsächlich ist es aber in den sozialen Netzwerken nicht so, auch hier gibt es wie im traditionellen Medienumfeld Meinungsführer wie die Bildzeitung oder die Süddeutsche Zeitung die in der Lage sind, eine herausragende Nachricht, die möglicherweise auch anderen schon bekannt ist, in den sozialen Medien „zum Durchbruch“ zu helfen. Und ich glaube dass ist das „Bild“-Prinzip. Natürlich hat Gutjahr die Nachricht schöner verpackt und Journalistisch aufbereitet, aber es zeigt letztendlich auch, dass die sozialen Netzwerke eben doch nicht „so demokratisch und transparent“ sind wie das immer propagiert wird.

    Letztendlich weiß ich nicht, wer den initialen Hinweis auf die Story von Gutjahr gegeben hat, aber sollte er über einen anderen Blogger drauf gekommen sein, hätte aus meiner Sicht dann konsequenterweise auch eine Referenz auf diesen Text es geben müssen (das ist jetzt aber sehr weit aus dem Fenster gelehnt)

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