Bloggen für den Journalismus

(Diesen Text habe ich für Carta geschrieben, wo er am 23. September 2010 erschien. Aber hier kann er auch gut stehen, finde ich.)

Bloggen ist für mich das richtige journalistische Mittel, schnell, oder auch bedacht, vor allem aber: Es lädt die Leser zum Mitmachen ein – und davon profitieren alle. Da ist es fast logisch, dass ich nun als freier Journalist mein Blog wiederbelebe. Jetzt muss sich Bloggen nur noch bis zu den Pressestellen rumsprechen.

In der beginnenden Hochzeit der Blogs, so vor fünf, sechs Jahren, habe ich eine Debatte nie verstanden: den bisweilen erbittert geführten Streit, ob Blogger Journalisten seien – was andersrum implizierte, dass Journalisten nicht bloggen. Die Diskussion ist so unsinnig wie die Frage, ob jemand, der Kugelschreiber und Papier benutzt, nun eine Einkaufsliste schreiben kann, einen Roman, ein Liebesgedicht oder, oh weh, gar eine Reportage.

Bloggen ist ein journalistisches Mittel. Zumindest: es kann eines sein.

Ich bin seit fast 30 Jahren hauptberuflicher Journalist, und ich habe einen Vorteil: Die ersten 18 Berufsjahre habe ich für Nachrichtenagenturen gearbeitet. Da war es dann zunächst mal zweitrangig, ob meine Meldung in der Tagesschau verlesen wurde oder mein Bericht am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen war – ja sogar, ob meine Geschichte von Magazin-Edelfedern ausgeschlachtet wurde und mit den besten Zitaten unter deren Namen in einem der Wochenblätter stand.

Mit anderen Worten: Auf welche Weise mein Text zum Leser kam, war mir weitgehend egal. Von mir aus hätten die meine Eilmeldung auch tanzen können.

Vielleicht bin ich deshalb offener gegenüber den vielen, vielen Formen, die Journalismus annehmen kann. Und ein Blog – das Blog, bitte – ist eine Form, die ich in den vergangenen Jahren sehr schätzen gelernt habe.

Bloggen kann schnell sein – so schnell, wie ich damals die Eilmeldung bei der Agentur „auf den Draht gegeben“ habe. Bloggen kann ruhig und bedacht sein, wie das Stück fürs Magazin, das ich über Wochen recherchiert habe. Bloggen kann, ganz anders als das gedruckte Medium oder Fernsehen und Hörfunk, Verweise als Links transportieren, Tondateien enthalten, Videos zeigen.

Vor allem aber: Ein Blog lädt den Leser ein, mitzumachen. Ich habe ein Fachgebiet, wo viele meiner Leser in den Einzelheiten viel bewanderter sind als ich – sei es bei den technischen Problemen von Kampfflugzeugen, sei es bei Munitionsarten (ja, meine Arbeit auf dem Feld der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ist manchmal ein bisschen speziell). Und von dem, was diese kenntnisreichen Leser in ihren Kommentaren einbringen, profitieren wiederum alle – ich selbst als Autor genauso wie die anderen Leser.

Da war es doch fast logisch, dass ich mit dem Start meiner selbstständigen Tätigkeit als freier Journalist ein Blog als mein direktes Medium (wieder)belebt habe. So transportiere ich Informationen und Geschichten, so bekomme ich ein Feedback – und Erkenntnisgewinn. Natürlich hilft es, dass ich in meinem Fachgebiet bekannt bin, natürlich hilft es, dass ich über die vergangenen Jahre mit Blogs Erfahrungen gesammelt habe. Und natürlich hilft es außerordentlich, pro Tag rund 20.000 Klicks zu zählen – also nicht ich, sondern die Traffic-Statistik meines Internet-Providers, die ich an der Stelle für recht verlässlich halte, weil die nach ihrer internen Trafficzählung auch die Kosten abrechnen. Ich habe zum Glück eine Flatrate.

Deshalb halte ich mein Blog für die richtige Publikationsform für mich als freien Journalisten – und natürlich schreibe ich, ganz klassisch, auch für andere Medien, die schon mal bezahlen, während die Refinanzierung meines publizistischen Engagements im Blog noch ganz in den Anfängen steht. Ob das für andere auch das Richtige ist? Das muss jeder selber wissen. Es schreibt ja auch nicht jeder mit Kugelschreiber.

Ein bisschen schwierig ist es natürlich, wenn man bei einer Pressestelle anruft und auf die Frage nach dem Medium antwortet „vom Verteidigungs-Blog Augen geradeaus!“. Da ist dann der Pressesprecher in einer Sitzung. Aber bis zum CSU-Parteitag Ende Oktober, wo ich wegen des Abgesangs auf die Wehrpflicht gerne dem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zuschauen würde, wird sich das mit dem Bloggen vielleicht auch bis nach München rumgesprochen haben.

Thomas Wiegold arbeitete bis vor kurzem beim „Focus“ und hat sich als freier Journalist mit dem Fachgebiet Verteidigungs- und Sicherheitspolitik selbständig gemacht. Über dieses Thema berichtet er regelmäßig in seinem Blog „Augen geradeaus!“.

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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2 Antworten zu Bloggen für den Journalismus

  1. J. König schreibt:

    „Aber bis zum CSU-Parteitag Ende Oktober, wo ich wegen des Abgesangs auf die Wehrpflicht gerne dem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zuschauen würde, wird sich das mit dem Bloggen vielleicht auch bis nach München rumgesprochen haben.“

    Auch ich bin gespannt auf den Abgesang. Mit welchen Argumenten auch immer der Partevorsitzende aufwarten wird: gerade ein blog kann da unheimlich viel rausholen … und nur ein blog!

  2. Pingback: Bookmarks vom 24.09.10 bis 06.10.10 – Irgendwas ist ja immer – Reloaded

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