FrontBerichtigung

In dieser Woche war ich in Afghanistan. Nur sehr kurz, weil ich einen Politiker begleitet habe: Nach Kabul, Kundus und Masar-i-Scharif. Nichts wirklich ungewöhnliches: seit 2002 war ich mehr als ein Dutzend mal am Hindukusch, mal mit Politikern, mal ohne, eigentlich immer mit der Bundeswehr (und damit im gleichermaßen geschützen wie bevorzugt anschlagsgefährdeten militärischen Umfeld).

Insofern für mich nichts Neues. Und auch für die Leute, die meine Geschichten in den vergangenen Jahren mehr oder weniger regelmäßig gelesen haben, nicht überraschend.

Überraschend ist aber für mich diesmal eine sehr ungewohnte Resonanz auf einem Feld, dass mit meiner politisch-militärischen Berichterstattung wenig zu tun hat. Zumindest sind die Bereiche nicht deckungsgleich: Kaum hatte ich per Twitter und Facebook die schlichte Ortsmeldung L: ISAF HQ, Kabul abgesetzt, machte das, nun ja, Furore. Dieser twitter-Status wurde retweetet, ich bekam Twitter-Direktnachrichten nach dem Motto Bist Du wirklich in Kabul?, und die Zahl meiner Follower stieg. Sprunghaft.

Nun freue ich mich schon darüber, wenn mich mehr Leute lesen, insbesondere vielleicht Leute, die sich sonst für das Thema Militäreinsätze im Ausland eher weniger interessieren. Vielleicht war es auch nur die öffentliche Aufmerksamkeit für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan insgesamt, nach den drei gefallenen deutschen Fallschirmjägern des Karfreitags. Oder, grundsätzlicher, mehr öffentliches Interesse an diesem Thema, das über das gefühlte wie schlimm, holt unsere Soldaten zurück hinausgeht: Es scheint mehr Wahrnehmung zu geben, dass da ein paar tausend Bundeswehrsoldaten am Hindukusch stehen. Und überwiegend im toten Winkel der deutschen Medien- und Öffentlichkeitswahrnehmung arbeiten, so lange es keine Toten gibt.

Ich selbst war, wie die meisten deutschen Journalisten, die vom Hindukusch berichten, noch in keinem Gefecht (die einzigen Deutschen, die nach meiner Erinnerung dort mit der Bundeswehr bislang in eine tatsächliche Kampfhandlung kamen, waren Uli Gack vom ZDF und der Fotograf Fabrizio Bensch von Reuters). Das wird sich ändern, je mehr sich die Lage vor allem rund um Kundus zuspitzt und je mehr, was heftig zu vermuten ist, die Bundeswehr in solche Gefechtssituationen kommt.

Aber das gefährlichste, was ich bislang erlebt habe: Wenn die Hubschrauber in zehn Meter Höhe übers Land donnern und es plötzlich hinten knallt. Weil die kleinen Feuerwerkskörper rausschießen, die eine anfliegende Luftabwehrrakete täuschen sollen – der Zielkopf einer solchen Rakete soll sich, so das Konzept, von dem heißen „Flare“ anlocken lassen und nicht mehr auf die Hubschrauber-Turbine losgehen. Ob aber tatsächlich auf den Helikopter geschossen wurde, in dem ich saß, weiß ich nicht – ich vermute aber eher nicht. Weil die Sensoren, die diese Täuschkörper auslösen, sehr sensibel sind und auch schon mal die Spiegelung der Sonne in einer Fensterscheibe für das Feuer eines Raketenantriebs halten…

Strich drunter: Was ich diese Woche gemacht habe, mache ich seit Jahren, und im social media Umfeld ist es nicht so groß aufgefallen. Zu Recht, weil es bislang auch nicht wirklich gefährlich war. Das wird sich möglicherweise demnächst ändern (auch wenn ich auf dem Standpunkt stehe, dass ich politischer Journalist bin und kein Frontberichterstatter). Aber es ist immer noch weniger aufregend als das, was viele Kollegen an vielen anderen Orten machen. Und selbst wenn ich in Kabul im Serena Hotel übernachte, das schon mehrfach Ziel von Taliban-Angriffen war und nach außen eine hoch gesicherte Festung ist – jeden Tag übernachten Kollegen an vielen Orten in Hotels, die weit mehr gefährdet sind.

Aber vielleicht merken manche meiner Twitter-Follower einfach, dass da draußen was passiert, dem die deutschen Medien bislang nur sehr punktuell folgen. Bei den Amis, teilweise auch bei den Briten ist es selbstverständlich, dass eigentlich permanent ihre Korrespondenten dort sind, wo es knallt. Und übrigens auch gerne mal was dazu twittern oder auf facebook absetzen. Oder gar als unabhänge Blogger mit mehr als wenig Geld an die hot spots Afghanistans gehen. Mal gucken. Vielleicht kriegen wir so was ähnliches auch hier hin. Ohne dass man gleich als Kriegstreiber angesehen wird, nur weil man über dieses Thema bloggt oder twittert.

Kunduz International Airport
(ISAF-Gepäckanhänger für Kunduz International Airport)

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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6 Antworten zu FrontBerichtigung

  1. Sascha Stoltenow schreibt:

    Ja, Aufmerksamkeit ist wohl die Basiswährung in der Mediengesellschaft. Aber wie nachhaltig ist sie? Es ist nicht als Kritik an den Nutzern zu verstehen, wenn ich den Flashmob als ein dominierendes Ordnungsprinzip der Social Media-Welt sehe. Sie interessieren sich wenigstens punktuell. Die Motivation ist mit gleich recht. Wirklich interessant ist, ob und in wieweit das Verhalten des Onlinepublikums ein Vorbote für das Massenpublikum ist, ob es dieses Massenpublikum überhaupt noch gibt, oder ob wir uns in Mikrocommunities verlieren? Dann aber stellt sich die Frage, welche Themen überhaupt noch in der Lage sind, einen relevanten Teil der Aufmerksamkeit zu bündeln. Insofern ist die Anwesenheit der Bundeskanzlerin bei der Trauerfeier in Selsingen sehr zu begrüßen, denn sie ist in ihrer Rolle einer der relevanten Aufmerksamkeitslenker.

  2. Daniel Lücking schreibt:

    Danke, das Sie an diesem Thema dran sind und ich hoffe auf weiter wachsende Aufmerksamkeit.

  3. Positroll schreibt:

    „nur weil man über dieses Thema bloggt“
    Hmm, heißt das, Sie bloggen jetzt auch wieder über Sicherheitsthemen?
    Die Facebook-page ist ja ganz informativ, aber wenn man (zumindest der Masse gegenüber) anonym bleiben will, kann man nicht kommentieren … Andererseits reduziert das natürlich auch die Troll-Gefahr … 😉

  4. wiegold schreibt:

    @Positroll
    Erst mal bleibt alles wie es ist. (Und hier in meinem Privatblog taucht das Thema nur deshalb auf, weil ich diesen persönlichen Aspekt mal beleuchten wollte.)

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