Wo Edelfedern abschreiben

Cordt Schnibben ist ein erfahrener Reporter im Wortsinne, und deshalb ist ein Interview mit ihm in der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auch äußerst lesenswert (bislang nur mit FAZ-login online verfügbar). An einer Stelle musste ich allerdings trocken schlucken. Wie wirkt sich das Internet aus? fragt die FAS den Reportage-Veteranen, und der antwortet wie selbstverständlich:

Es verändert die Arbeit stark. Man kann Blogger vor Ort als digitale Stringer nutzen, so dass der Leser sich irritiert fragt: War der nun selber da oder nicht?

Nun ist Schnibben lange genug im Geschäft, um zu wissen, was ein Stringer ist: ein örtlicher Mitarbeiter, der einen Reporter mit seinen Sprach- und Landeskenntnissen unterstützt, Informationen beschafft, überhaupt dem – meist westlichen – Journalisten die Arbeit erst ermöglicht. In der Berichterstattung taucht sein Name in der Regel nicht auf. Vor allem aber: ein Stringer wird für seine Arbeit bezahlt.

Doch bei den Bloggern, die Schnibben so locker-flockig als digitale Stringer in Anspruch nehmen will, dürfte gerade die Bezahlung nicht passieren. Auf gut deutsch sagt er nichts anderes als: wir bedienen uns, kostenfrei, bei denen, die vor Ort sind und wissen, was da gerade passiert. Ohne zu sagen, wo wir das her haben.

Das hat mit Stringern nichts zu tun. Eher mit dem, was gut verdienende Verlage vom Kaliber dessen, für den Schnibben arbeitet, immer als das Böse schlechthin gegeißelt haben: Das Schreckgespenst vom Blogger, der sich umsonst bei den teuer herangeschafften Informationen der Medienprofis bedient.

Interessant, dass diese Medienprofis umgekehrt gar nichts daran auszusetzen haben.

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Thomas Wiegold
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