Zu viele Fenster zur Welt

Die Ziffernfolge weiß ich immer noch. 100125,2413 – das war in den frühen 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts meine CompuServe-Adresse. Ein, immerhin, weltweites Netzwerk, über das ich  E-Mail-mäßig mit anderen Computerbesitzern kommunizieren konnte. Sofern sie auch auf CompuServe waren. Waren sie das nicht, sondern auf AOL, musste ich meinen AOL-Account öffnen und ihnen auf dem Weg was schreiben. Oder, noch ein bisschen umständlicher, Nutzer früher Mailboxsysteme über den Zugang zu diesem Bulletin Board System versuchen zu erreichen.

Irgendwann öffnete dann mal CompuServe die Pforten zum E-Mail-Verkehr im Internet, und ich konnte Freunde in den USA auf ihrem Account – meist an einer Uni oder bei einer Regierungsbehörde – mehr oder weniger einfach anschreiben. Leider schickte mir CompuServe für jeden Node, über den die Mail lief, eine Bestätigung – und die war kostenpflichtig. Bis die Mail ihren Empfänger erreicht hatte, waren da unter Umständen ein paar Mark weg. Ein Luftpostbrief wäre billiger gewesen.

Diese komplizierten Zeiten glaubte ich überwunden. Aber sie sind wieder da.

Wenn ich im Büro, zuhause oder unterwegs meinen Rechner hochfahre, starten gleich ein paar Fenster zur Welt. Natürlich mein Blog, aber dann. Skype. Twitter. Facebook. Und selbstverständlich ein Mailprogramm für meine verschiedenen E-Mail-Adressen.

Über jeder dieser Systeme kommuniziere ich mit unterschiedlichen Leuten. Skype ist mein Messenger-System vor allem für Kollegen, Twitter hat sich neben der Informationsfunktion sehr stark als Direct-Message-Kanal für wieder andere Leute etabliert, einige Kommunikationspartner (tolles Wort) schicken mir ihre Nachrichten ausschließlich über Facebook. Und meine Mails muss ich auch im Auge behalten. Jetzt kommt noch Google Wave hinzu (fast ist es schon ein Glück, dass ich bislang nur sehr wenige Leute mit einer Wave-Adresse kenne).

Ein klein wenig kann ich das schon zentralisieren. So laufen die Facebook-Nachrichten und die Direct Messages von Twitter in einem E-Mail-Postfach auf. Antworten kann ich dort aber nicht, sondern muss in die entsprechende Applikation wechseln. Und die Leute, die ihren Twitter-Feed direkt in Facebook leiten, sehen Antworten darauf zwar auf Twitter, aber nicht auf Facebook. Oder umgekehrt.

Da ist die (inzwischen gute alte) E-Mail noch das System mit der größten Anpassungsfähigkeit. Und damit das System, auf das ich am wenigsten verzichten kann. Weil jeder an diese Adresse schreiben kann (ich weiß, auch die Spammer) und ich jedem Antworten kann. Schon bei Twitter setzt die direkte Kommunikation voraus, dass der Adressat und ich uns jeweils gegenseitig followen…

Das ist doch der Wahnsinn. Was kommt als nächstes – das ultimative Cloud-Application-Alleskönner-Tool von Yahoo (da habe ich ein paar Mailinglisten) oder Apple (da habe ich nur die Hardware, danke). Und noch ein Fenster auf meinem Bildschirm?

Könnte das bitte mal jemand unter ein großes Dach mit einem zentralen Point of Contact bringen?

Ich verliere nämlich langsam… nein, nicht unbedingt den Überblick. Aber die Zeit, auch noch produktiv zu sein, weil ich ja nicht nur E-Mails checken, sondern auch alle möglichen anderen Fenster im Auge behalten muss.

Außerdem kommt mir dieses Nebeneinander so vor wie die frühe Zeit der GSM-Telefonie: Da ließen sich SMS nur innerhalb des jeweiligen Netzes verschicken. Heute ist nur der Unterschied, dass man nicht zwei Rechner (analog zu zwei Handys) hinstellen muss. Ansonsten sind wir nicht so viel weiter gekommen.

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Über wiegold

Thomas Wiegold
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Eine Antwort zu Zu viele Fenster zur Welt

  1. quadratmeter schreibt:

    Das kommt mir bekannt vor, wobei ich bislang Twitter verweigere, Facebook sehr schnell albern fand und aus Xing geflüchtet bin. Mir reicht der restliche Fuhrpark vollkomen aus. Kommunikation kann anstrengend sein, auch für Frauen. 😉

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