Auf nichts ist Verlass. Noch nicht mal auf Twitter.

Die lustige Debatte kommt ja immer wieder hoch: Was ist, was wird in diesen Zeiten das Leitmedium – also das Medium, das den Nachrichtentakt vorgibt, die Leser und Zuschauer als erstes informiert, die Diskussion bestimmt? Die Zeitungen längst nicht mehr so wie früher, das Fernsehen bisweilen… Aber das Internet und die social media, die Vernetzung – das hat doch das Zeug dazu?

Seit gestern Abend bin ich da wieder ein wenig skeptischer geworden.

Am (gestrigen) Sonntag gab es im Einsatzbereich der Bundeswehr in Nordafghanistan einen Zwischenfall von der Art, wie sie sonst für sehr viel Aufmerksamkeit und Aufregung sorgen: Deutsche Soldaten haben mindestens einen, möglicherweise auch mehrere Zivilisten erschossen, als ihr Auto mit hoher Geschwindigkeit auf die Bundeswehrsoldaten zuraste. Es geht mir an dieser Stelle nicht um die Bewertung dieses Zwischenfalls. Aber als sich vor knapp einem Jahr nahe Kundus ähnliches ereignete und ein deutscher Soldat eine Frau und zwei Kinder erschoss, war die (mediale) Aufmerksamkeit groß.

Gestern abend habe ich davon recht spät erfahren – in den Tagesthemen der ARD. An und für sich nicht weiter bemerkenswert – wäre die Information nicht schon Stunden vorher von der Bundeswehr veröffentlicht worden, mehr als eine Stunde vor der klassischen Hauptnachrichtensendung, der 20-Uhr-Tagesschau. Doch weder dort wurde das Thema erwähnt – noch, und das irritiert mich ein wenig, in den zahlreichen Twitter-Feeds, die ich natürlich auch zur Beobachtung des Geschehens in den Bundeswehr-Einsatzländern nutze.

Normalerweise erfahre ich inzwischen über Twitter am schnellsten, was sich in Afghanistan oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, in den Piratengewässern am Horn von Afrika tut. Denn irgendjemand aus meinem informellen Netzwerk aus ein  paar Soldaten, NATO, US Forces und Journalisten bekommt in der Regel immer recht schnell mit, wenn etwas passiert. Und sei es, weil jemand die entsprechenden RSS-Feeds im Auge behält (was ich, zugegeben, recht sporadisch tue).

Gestern abend also: kein Wort in den Tweets. Nichts auf den Nachrichtenseiten oder Blogs, die ich mehr oder weniger regelmäßig aufrufe. Auf der Seite von bild.de gab es um 19.07 Uhr zwar die erste Meldung, aber diese Seite schaue ich mir selten an (und die Leute in meinem informellen Netzwerk offensichtlich auch). Die erste Agenturmeldung finde ich in meinem System von 19.14 Uhr (von AFP), auch das hat wohl Stunden gebraucht, bis es weiter ins Web getröpfelt ist. Meinen eigenen Kollegen von FOCUS Online, die die Meldung um 21.27 Uhr auf die Webseite stellten, war es keinen Tweet über ihren Twitteraccount @FOCUSlive wert.

Nun mag es ja sein, dass ein solches Ereignis Bundeswehrsoldaten erschießen irrtümlich Zivilisten keinen Nachrichtenwert mehr hat. Oder dass es in diesen Tagen andere, für die Öffentlichkeit interessantere Nachrichten in Hülle und Fülle gibt. Oder, auch das mag eine Erklärung sein, dass derzeit einfach zu viele Leute in Urlaub sind und die Vernetzung deswegen ziemliche Lücken hat. Alles nur Teil-Erklärungen: wenn selbst die Leute, die ein Thema im Auge behalten, einen für dieses Thema wichtigen Vorgang nicht mitbekommen, funktioniert das vernetzte System offensichtlich noch lange nicht zufriedenstellend.

Also weiter Fernsehen gucken. Die waren gestern immer noch deutlich schneller als Twitter.

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Thomas Wiegold
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