Eilmeldung? Wir haben schon den Tweet

Am 23. Mai haben die deutschen Nachrichtenagenturen wieder ein bisschen Informationsvorsprung verloren. Und sie haben es noch nicht einmal gemerkt.

Es war, wieder einmal, der Kurznachrichtendienst Twitter. Nun gab  es spätestens seit der Notwasserung eines Linienflugzeugs im Hudson etliche Beispiele, in denen Twitterer als Erste die Breaking News in die Welt pusteten: Weil sie mehr oder weniger zufällig am Ort des Geschehens waren. Da kann kein Medium mit professionellen Journalisten mithalten – die können, sollen und müssen nicht immer und überall dabei sein. Auch wenn die Internet-Szene diese Beispiele als Vorrang der Netzwelt vor dem professionellen Journalismus bejubelte.

Bei der Wahl des Bundespräsidenten lagen die Dinge ein wenig anders. Deutlich vor der Bekanntgabe des Ergebnisses veröffentlichte erst der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber auf seinem Twitterfeed das exakte Ergebnis: 613 Stimmen für Horst Köhler. Wenig später folgte die CDU-Parlamentarierin Julia Klöckner – zwar ohne Zahlen, dafür aber mit dem eindeutigen Hinweis: „Wahlgang hat geklappt“ – angesichts ihrer Fraktionszugehörigkeit die ebenfalls klare Ansage, dass der Amtsinhaber bestätigt wurde. Kelber verteidigte sich zwar kurz danach, er habe nur weiter gegeben, was er aufgeschnappt hatte – schließlich habe er die Stimmen nicht ausgezählt. Klöckner hingegen hatte sich noch kurz vorher bei ihren Twitter-Followern abgemeldet – „wg. Auszählgeheimnis“.

Nun sickern die Ergebnisse von Wahlen oder Abstimmungen im Bundestag traditionell vor der offiziellen Bekanntgabe durch – zu viele Leute sind an den Auszählungen beteiligt. Nur: im traditionellen Mediengeschehen der vergangenen Jahrzehnte wurde diese Information vielleicht einem Journalisten gesteckt, der sie eigentlich nur dann mit einer gewissen Breitenwirkung schnell verwenden konnte, wenn er für eine Nachrichtenagentur arbeitete: Für den Korrespondenten einer Tageszeitung war der Viertelstunden-Vorsprung bedeutungslos.

Das Geschehen am 23. Mai hat erstmals für alle sichtbar diesen Mechanismus außer Kraft gesetzt. Nicht nur die Insider im Reichstag, nicht nur die direkten Kunden der Nachrichtenagenturen hatten die Chance, das Wahlergebnis vorher zu erfahren. Sondern alle, die sich die passenden Quellen im Internet eingerichtet haben. Um zu sehen, was Kelber und Klöckner twitterten, musste man noch nicht mal ihrem Twitter-Feed folgen: Auf der Webseite wahl.de wurden die tweets zur Präsidentenwahl in Echtzeit angezeigt.

Natürlich bleibt die Frage der Authentizität eines Tweets: Wenn ein unbekannter Twitterer, der sich ein Pseudonym nach dem Muster „pinky007“ zugelegt hat, das Wahlergebnis vorzeitig bekannt gibt, wird dem wahrscheinlich kaum jemand glauben. Doch die twitternden Abgeordneten sind in der Szene bekannt und zudem bei der Widergabe auf wahl.de eindeutig zugeordnet – und damit für die Internet-Nutzer eine Quelle, die zuzuordnen und glaubwürdig ist. (Natürlich hätte es auch da gehackte Twitter-Accounts geben können, wie es ja schon vorgekommen ist. Doch dass zeitgleich die Accounts eines SPD- und einer CDU-Abgeordneten gehackt und mit inhaltsgleichen Meldungen bestückt werden, ist schon relativ unwahrscheinlich).

Und die Nachrichtenagenturen? Die haben das – wie an diesem Wochenende die meisten Medien – gar nicht erst wahrgenommen. Wenn sie vor der offiziellen Bekanntgabe des Wahlergebnisses eine Meldung über den Ausgang verbreiteten, dann nach der direkten Information durch einen Insider. (Am 25. Mai zeigten alle Agenturen bei den kombinierten  Suchworten Twitter und Bundespräsident genau zwei Meldungen an: das waren Zusammenfassungen vom Evangelischen Kirchentag, auf dem sowohl der Bundespräsident auftrat als auch getwittert wurde…)

Doch wo ist der Unterschied, ob ein Mitglied des Bundestages einen Agenturjournalisten informiert, der dann eine Meldung absetzt – oder ob er/sie seine Information direkt per Twitter ins Internet schickt? Eigentlich nur in einem: dass der Filter Nachrichtenagentur wegfällt.

Damit kann man umgehen – man sollte sich aber als Agentur dessen bewusst werden, dass man mit Informationen handelt, die schon längst auf dem Markt sind. Und das Bewustsein sollte schnell kommen: noch scheinen nämlich auch die meisten Agenturkunden nicht realisiert zu haben, dass sie die Nachricht genau so, wenn nicht eher, bei Twitter lesen konnten. Aus einer Originalquelle.

(Hinweis: Wie das gelaufen ist, habe ich bei FOCUS Online aufgeschrieben.)

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Thomas Wiegold
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