Selbstzitat: Über Nachrichtenagenturen.

Für meinen Ex-Kollegen Peter Zschunke von Associated Press und seine Seite agenturjournalismus.de habe ich neulich etwas geschrieben. Nein, schreiben müssen: Aus meiner Sicht aus langjähriger – na immerhin 18 Jahre! – Agenturjournalist und heutiger Kunde von Nachrichtenagenturen habe ich mich so geärgert über die Entwicklung auf diesem Markt, dass das mal raus musste. Sozusagen als Selbstzitat auch hier zum Nachlesen:

Zum Distributionskanal verkommen

Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, da radelte ich an jedem Samstagnachmittag rüber zur Brandstwiete am Hamburger Hafen. Holte das druckfrische Exemplar des Spiegels am Verlagsgebäude ab, ging damit in mein Büro, blätterte das Heft durch und entschied, ob eine der Geschichten darin eine Meldung für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) lohnte. Bisweilen, auch das kam vor, fand ich nichts Meldenswertes und ging wieder ins Wochenende.


Lang‘ ist sie vorbei, meine Zeit als AP-Korrespondent in Hamburg. In den Jahrzehnten seitdem hat sich das Geschäft mit den Vorabmeldungen grundlegend verändert. Praktisch jede Zeitung und jedes Magazin in Deutschland feuern in immer dichterer Folge ihre – bisweilen nur scheinbaren – Exklusivmeldungen an die Nachrichtenagenturen ab. Und mir scheint, die Agenturen haben längst kapituliert: Fast jede dieser Vorabmeldungen landet mehr oder weniger schnell im Agenturdienst (oder, wie es früher hieß, „geht auf den Draht“).

Die fünf großen Agenturen auf dem deutschen Markt – neben der dpa der ddp und die deutschsprachigen Dienste von AP, Reuters, AFP – haben in den vergangenen Jahren immer mehr ihre Arbeit verändert. Einst gegründet, um Nachrichten zu sammeln und weiterzuverbreiten, also um die journalistische Arbeit des Recherchierens und Schreibens mit der eines Verbreitungsweges zu kombinieren, sind sie zunehmend zu einem Distributionskanal verkommen: Nach wie vor arbeiten dort zwar Journalisten, die sich um die Nachrichtenbeschaffung kümmern. Doch ihre Kunden haben sie gezwungen, zum Verbreiter auch der (Pseudo)-Nachrichten zu werden, die sie nicht selbst recherchiert haben.

Und damit haben sich die Agenturen in eine Ecke manövriert, in der sie genau diesen Kunden zunehmend als überflüssig erscheinen.

Als Distributionskanal haben die Nachrichtendienste längst ihre einstmals exklusive Stellung verloren. Als Übertragungstechnologien noch teuer und eine Sache von Profis waren, gab es kaum einen anderen Weg, eine Nachricht möglichst schnell an möglichst viele Nutzer zu übermitteln, als die exklusiven Verteilnetze der Agenturen. Mittlerweile hat sich das erledigt. Was ein Medium als eigene Nachricht in die Welt setzt, erreicht über die verschiedenen Internet-Kanäle – Webseiten, RSS-Feeds, Aggregatoren und inzwischen auch Twitter – die professionellen wie die privaten Nutzer genau so schnell wie über den Agenturdienst. Manchmal sogar schneller: Als die Rheinische Post kürzlich eine Vorabmeldung an die Agenturen schickte, hielten sich die brav an die darauf vermerkte Sperrfrist. Im Internet war diese Meldung jedoch schon drei Stunden eher zu lesen – und das, Ironie am Rande, über das Web-Portal ots, einen auf Pressemitteilungen spezialisierten Dienst einer dpa-Tochtergesellschaft.

Doch nach wie vor beugen sich die Agenturen dem Druck ihrer Kunden, nicht nur als Nachrichtenlieferant, sondern auch als Verteilmedium für deren eigene Meldungen aufzutreten. Der Grund ist einfach – jede noch so belanglose (und mitunter auch schon überholte) Pseudo-Exklusivmeldung einer Zeitung wird veredelt, wenn sie über den Dienst läuft. Leihen doch dpa, AP und die anderen damit diesem Blatt ihren Ruf. Der allerdings genau unter diesen Praktiken zunehmend leidet: Viel zu oft findet die eigentlich selbstverständliche Prüfung nach journalistischen Kriterien nicht mehr statt – ist die Meldung neu, ist sie relevant, manchmal auch einfach: kann sie so stimmen? (Ich bekam während meiner Agenturzeit schon mal Berichte mit Zitaten aus „Geheimpapieren“ angeboten, die sich dann als Bundestagsdrucksache entpuppten.)

Zugleich entwerten die Agenturen ihre althergebrachte Kernkompetenz, nämlich die Beschaffung von Nachrichten. Zwar war es auch vor der Verbreitung des Internets üblich, dass eine Zeitung eine Agenturmeldung – gezielt oder eher zufällig – als eigene Nachricht verkaufte – und dem Leser war das meist ohnehin egal. Mit der Genehmigung, die Agenturnachrichten genau so in den Online-Angeboten der Printmedien zu platzieren, werden die Nachrichten zur allgemein beliebig verfügbaren Information. Dagegen wäre nichts einzuwenden – wenn die Agenturen dafür anständig entlohnt würden. Denn die Kosten der Nachrichtenbeschaffung bleiben die gleichen, ob eine Meldung auf Papier gedruckt oder ins Internet gestellt wird. Die Erlösmodelle unterscheiden sich dagegen gewaltig. Und es ist doch ein wenig blauäugig zu glauben, dass Nachrichten inzwischen immer und überall von selbst und kostenlos kommen. Die Zahl der Hobby-Blogger und -Twitterer in Kabul oder Bagdad, ja selbst in Pressekonferenzen des Bundeswirtschaftsministers ist begrenzt. Und das nicht in erster Linie deswegen, weil es da Zugangsbeschränkungen gibt.

Deshalb ist es auch einfach Heuchelei, wenn Zeitungen mit großer Geste den dpa-Dienst abbestellen und behaupten, damit eigenen Journalisten mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Zum einen würden sie ja nie auf Agenturen grundsätzlich verzichten: ddp, AP, Reuters oder AFP sind dann immer noch die Nachrichtenlieferanten. Vor allem für Informationen außerhalb des Gebiets, das eine deutsche Zeitung mit ihren eigenen Leuten abdecken kann. Und zum anderen lässt sich ja nie ausschließen, dass die natürlich im Internet zu findenden Informationen genau von der Agentur kommen, die man vorher mit Verve gekündigt hat.

Egal wie sich Journalismus und Medienlandschaft in der Zukunft entwickeln: Es wird immer ein Bedürfnis nach Information und Nachricht geben. Und eigentlich könnten die Nachrichtenagenturen dafür hervorragend aufgestellt sein. Wenn sie sich nicht weiter missbrauchen lassen wie in den vergangenen Jahren.

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Thomas Wiegold
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