Das neue Leistungsschutzrecht: Schizophrene Verleger – und ein Geschenk für PR-Berater

In meinen Jahren als Redakteur bei zwei großen deutschen Nachrichtenagenturen habe ich immer wieder erlebt, wie vor allem Zeitungen mit allen Mitteln versucht haben, die Verbreitung ihrer – nicht immer exklusiven – Nachrichten zu forcieren. Täglich laufen bei den Agenturen Unmengen von so genannten Vorabmeldungen ein, in denen diese Medien auf eine Information oder ein Interview hinweisen, Teile oder Nachrichtenfassungen davon anbieten und wie selbstverständlich davon ausgehen, dass die Agentur diese Information auch weiter verbreitet. Das geht zum Teil so weit, dass ich den Eindruck haben musste: Die Nachrichtenagenturen sind zum Distributionskanal anderer Medien verkommen.

Um das Ganze auf die Spitze zu treiben: Teilweise bezahlen Zeitungen sogar dafür, dass ihre Meldungen über ihre eigenen Webseiten hinaus im Internet auftauchen – bei der dpa-Tochter news.aktuell, von deren Webseite presseportal.de das Material ausdrücklich kostenfrei verwendet, vervielfältigt oder in andere Websites eingebunden werden darf.

Merkwürdigerweise finden es die Verleger bei allem Wunsch nach Verbreitung ihrer Nachrichten jedoch nicht in Ordnung, wenn Inhalte ihrer Webseiten indexiert, aggregiert und mit einem kurzen Anreißertext veröffentlicht werden. Und setzten sich deshalb bei der schwarz-gelben Bundesregierung mit dem Wunsch nach einem Leistungsschutzrecht durch. Der im Internet kursierende Referentenentwurf für das entsprechende Gesetz sieht unterm Strich vor, dass ein Link zu einer Zeitungs-Webseite mit einem kurzen Textausriss schon kostenpflichtig werden kann. Für den, der das wiederum auf seiner Webseite verwendet. Was das bedeutet (oder bedeuten kann), hat Udo Vetter sehr schön hier gesagt: Digital kastriert.

Das klingt nach gespaltenen Persönlichkeiten. Auf eine Nachrichten-Webseite verlinken und kurze Textausschnitte (deren Abgrenzung zu zulässigen Zitaten vermutlich noch ein nettes juristischen Problem wird) verwenden ist nicht mehr ok; gleichzeitig dürften die Verlage in ihrem Bemühen nicht nachlassen, für die von ihnen als exklusiv angesehenen Inhalte eine möglichst weite Verbreitung zu erzielen. Das könnte auf die lustige Situation hinauslaufen, dass ich einen Link und Kurztext nicht von der Zeitungs-Webseite nehme, sondern von presseportal.de. Im ersten Fall müsste ich zahlen, im letzteren haben die Verleger schon gezahlt. Für die Verbreitung.

Wäre ich PR-Berater für Politiker, würde ich mir jetzt die Hände reiben. Denn Politiker wollen in Interviews ihre Botschaft möglichst weit verbreitet wissen – wenn Zeitungen künftig mit Gesetzeshilfe diese Verbreitung beschränken, sinkt für einen Politiker der Reiz, mit diesem Blatt ein exklusives Interview zu führen. Denn, realistisch betrachtet, wird eine Regionalzeitung auf Papier in ihrer Region gelesen, aber mit einem Top-Thema bundesweit im Internet. Wenn man es denn weiß. Aber genau das soll ja künftig verhindert werden.

Also ich würde als PR-Berater einem Politiker raten, das mit den Interviews sein zu lassen und – möglichst knallige – Aussagen mit Nachrichtenwert auf den eigenen Webseiten zu publizieren und dannm über die diversen Kanäle wie Twitter oder andere social media möglichst breit zu streuen. Die zunehmende Leserschaft im Internet wird das eher zur Kenntnis nehmen als den Text einer Zeitung, die sie gedruckt nie sehen wird und von dem sie im Internet nichts erfährt.

(In meinem Blog Augen geradeaus! habe ich angesichts der Debatte um das Leistungsschutzrecht bereits vor Monaten damit begonnen, auf Links zu deutschen Printmedien zu verzichten.)

 

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Thomas Wiegold
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